Glück
Glück

Warum uns das Glück niemals finden wird

«Irgendeinisch fingt ds Glück eim.» So lautet der Refrain eines Songs der Berner Band Züri West. Irgendeines Songs? Nein! Für mich ist «Fingt ds Glück eim?» nicht irgendein Lied. Es ist ein Lied, das mich treu durch meine Jugendjahre begleitete, das ich heiss liebte und in dessen Melancholie ich mich genüsslich suhlte. Und es ist ein Lied, das ich kürzlich beim Joggen wiederentdeckte – Zufallsmodus sei Dank. Doch der Song stimmte mich auch nachdenklich. Ist es denn tatsächlich so? Findet einen das Glück eines schönen Tages? Einfach so? Zufällig? Irgendwo auf einem Parkplatz, an einer Bushaltestelle oder an einem Küchentisch, wie Kuno Lauener, der Frontmann der Band, singt?

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Selbstoptimierung, nein danke
Glück

Selbstoptimierung? Nein danke! Warum Perfektion langweilig ist

Neulich sass ich an der Aare, las ein Buch und schleckte ein Eis. Ich genoss die unbeschreibliche Leichtigkeit des ersten Sommertages – er schmeckte nach Brombeere und gesalzenem Karamell – und lauschte unfreiwillig zwei jungen Müttern, die sich über Windeln, Wäscheberge und Weiterbildungen unterhielten. Die eine wiegte einen weinenden Jungen im Arm, während die andere erfolglos versuchte, ihre zwei Mädchen im Zaum zu halten.

Die zweite Frau hatte gerade die von Schokoladeeis bekleckerten Gesichter der beiden Mädchen gesäubert, als sie tief seufzte und meinte: «Manchmal ist mir alles zu viel. Das Mamisein, der Haushalt, die Arbeit. Und ständig muss man sich weiterbilden, muss diese und jene Kurse und Events besuchen. Und Sport sollte ich auch mal wieder treiben. Doch dafür habe ich schlicht keine Zeit!»

Die Frau mit dem weinenden Jungen im Arm hob die gezupfte Augenbraue und erwiderte spitz: «Du musst dir halt bewusst Zeit für den Sport nehmen. So mache ich es. Obwohl ich zugeben muss, dass ich mein Vor-Schwangerschafts-Gewicht noch nicht ganz erreicht habe.» Und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: «Das Leben ist halt kein Zuckerschlecken. Wenn du nicht ständig dranbleibst, bist du im Nullkommanichts weg vom Fenster. Das willst du noch nicht, oder?»

Der Selbstoptimierungswahn hat alle Lebensbereiche fest im Griff

Die Mädchenmamma tat mir leid. Und ich ärgerte mich über den unsensiblen Kommentar der Bubenmamma. Beide hatten – nur so nebenbei gesagt – einen wunderschönen Körper.

Doch man beziehungsweise frau kann offenbar nie perfekt genug sein. Zweifellos liegt der Selbstoptimierungswahn im Trend. Und hat mittlerweile alle Lebensbereiche infiltriert – die Arbeit, die Freizeit, den Körper, die Kleidung, die Ernährung, die Kindererziehung, um nur einige zu nennen.

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Angst und Panik
Selbstbestimmung

Wenn ein Leberfleck alles ändert: Ein Protokoll der Angst

Plötzlich war alles anders. Ein flüchtiger Blick in den Spiegel hatte der Angst die Eingangspforte zu meiner Seele geöffnet. Jetzt sass sie mir im Nacken. Nein, genau genommen hatte sie sich frech zwischen meine Schulterblätter gesetzt. Und zwar in der Form eines hässlichen, abstehenden, munter vor sich hinwachsenden Leberflecks.

Angst? Flüchten oder kämpfen, wir haben die Wahl

Was tun wir, wenn wir Angst haben? Es ist simpel. Wir flüchten. Oder wir kämpfen. Das heisst: Entweder vermeiden wir die angstauslösende Situation oder wir stellen uns ihr.

Ich entschied mich für Letzteres. Denn ich weiss aus eigener Erfahrung: Wenn wir uns der Angst nicht stellen, kommt sie früher oder später immer zurück. Und zwar mit doppelter Kraft.

Ich rief also zuerst bei meinem telemedizinischen Zentrum an – genau so, wie es mein Versicherungsmodell vorsieht. Nachdem mich die diensthabende Ärztin telefonisch befragt und die Fotos meines Leberflecks – die ich ihr eingangs schicken musste – ausgewertet hatte, beschloss sie, mich an einen Dermatologen zu überweisen. Mein Leberfleck sah zwar unverdächtig aus. Aber er war gewachsen. Und das war kein gutes Zeichen. So viel hatte ich verstanden.

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Hausarbeit
Gesellschaft

Ist Hausarbeit keine Arbeit? Über verstaubte Arbeitsvorstellungen, Genderklischees und richtig verzweifelte Hausfrauen

Letzte Woche schwang ich wieder einmal widerwillig den Putzlappen und kämpfte gegen den Staub, die Katzenhaare und meine Putzaversion. Ich schrubbte gerade leicht genervt die Badewanne, als ich mich fragte, wie viele Stunden pro Woche wir eigentlich mit Hausarbeit verbringen. Mit – wie es das Wort ja schon sagt – Arbeit. Arbeit jedoch, die nicht bezahlt wird. Arbeit, die belächelt und nicht als «richtige» Arbeit betrachtet wird. Und Arbeit, die auch im 21. Jahrhundert überwiegend von Frauen erledigt wird.

Schweizerinnen verbringen durchschnittlich 27,5 Stunden pro Woche mit Hausarbeit

Ich wollte es genau wissen und recherchierte: Laut dem Bundesamt für Statistik arbeitete Frau Schweizer im Jahr 2013 pro Woche durchschnittlich 27,5 Stunden im Haushalt, während es Herr Schweizer auf 17,3 Stunden brachte. Die Statistik berücksichtigt dabei klassische Hausarbeiten wie Putzen, Waschen und Kochen, aber auch die Betreuung von Kindern oder die Pflege von Erwachsenen.

Betrachten wir ausserdem die kinderlosen Paare, die in einem 2-Personen-Haushalt leben: Frauen verbrachten 2013 durchschnittlich 22,6, Männer 15,4 Stunden pro Woche mit Hausarbeit. Erstaunliche Zahlen, nicht wahr?

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Sicherheitsdenken
Glück

Carpe diem! Ein Plädoyer gegen das Sicherheitsdenken

Neulich stolperte ich über einen – ja, ich gebe es zu – an sich harmlosen Zeitungsartikel. Im besagten Artikel warnte die Journalistin potenzielle Weltenbummlerinnen und Weltenbummler davor, der Schweiz für längere Zeit den Rücken zu kehren. Warum? Weil, so argumentierte sie, ein Auslandaufenthalt eine Kürzung der Rente nach sich ziehen könnte. Das Sicherheitsdenken treibt manchmal seltsame Blüten, nicht wahr?

Doch schauen wir etwas genauer hin. Die Message lautete: Vergessen Sie die Altersvorsorge nicht, wenn Sie auf Weltreise gehen, an einer ausländischen Universität studieren oder im Ausland arbeiten. Denn für jedes Jahr, in dem man bzw. frau keine Beiträge an die AHV zahle, würde die Rente um 2.3% gekürzt. Im Jahr 2015, so der Artikel weiter, hätten schon 12% der Schweizer Neurentner und 27% der ausländischen Neurentner in der Schweiz Beitragslücken in der AHV aufgewiesen. Alarmierende Zahlen also!

Die Weltreise – eine unbezahlbare Erinnerung

Ja, ich gestehe es: Auch ich habe meine AHV-Beiträge nicht lückenlos eingezahlt. Weil ich Mitte zwanzig die Welt entdecken wollte und mich zu wenig um meine Altersvorsorge gekümmert habe. Mittlerweile bin ich jedoch in einem Alter, in dem ich mir tatsächlich manchmal Sorgen um meine erste, zweite und dritte Säule mache. Und trotzdem bin ich der Meinung: Eine Weltreise oder ein Austauschjahr während des Studiums sind unbezahlbare Erinnerungen. Und wiegen eine mögliche Rentenkürzung auf.

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unmotivierte Jobsuche
Selbstbestimmung

Unmotiviert auf Jobsuche: Betrügst du dich selbst?

Momentan beschäftigt mich ein Thema sehr stark: der Selbstbetrug. Aber schön der Reihe nach. Alles begann damit, dass wir in unserem Start-up eine neue Stelle geschaffen und ausgeschrieben hatten. Wochenlang kämpfte ich mich also durch Bewerbungsdossiers, las, machte mir Notizen, fragte nach, sortierte. Auf meinem Bürotisch stapelten sich Karriereträume, säuberlich getrennt in drei Kategorien: Out – in – Stand-by. Tatsächlich schaffte es nur etwa jedes zehnte Dossier, meine Aufmerksamkeit zu erregen und auf dem Pult meines Vorgesetzten zu landen. Woran das lag? Was die guten von den schlechten Bewerbungen unterschied?

Natürlich zählten die harten Fakten, die Berufserfahrung, die Aus- und Weiterbildung, die Sprachkenntnisse, die Arbeitszeugnisse. Aber das Zünglein an der Waage spielte letztlich ein weicher Faktor: die Motivation.

Und genau da lag das Problem. Viele Bewerberinnen und Bewerber scheiterten, weil sie ihre Motivation nicht aufs Papier brachten. Weil sie nicht schlüssig erklären konnten, warum sie sich exakt für diese Stelle bewarben und ausgerechnet bei uns ihre Brötchen verdienen wollten.

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Arbeit
Gesellschaft

Identität und Arbeit: Ich arbeite, also bin ich?!

Kennst du das? Du schlenderst an einem gewöhnlichen Samstag durch die Stadt. Der Ausverkauf ist gerade in vollem Gang, die Schaufenster sind tapeziert mit grellen Plakaten, die «Sale» schreien und um deine Aufmerksamkeit kämpfen. Die Marketingstrategien sind offenbar erfolgreich, denn du ertappst dich dabei, wie du dich gedanklich intensiv mit den Stiefeln beschäftigt, die du eben gesehen hast. Jetzt überlegst du hin und her, ob es die schwarzen oder braunen sein sollen und ob du überhaupt neue Schuhe brauchst.

Innerlich ist dir natürlich klar, dass dich diese Stiefel nicht glücklich machen werden. Schliesslich steckt noch ein kleines Fünkchen Vernunft in dir. Und du weisst auch, dass du Stiefel im Schrank stehen hast, die es gut noch ein halbes Jahr machen werden. Und dass der endlose Ressourcenverschleiss die Welt in den Abgrund zu stürzen droht. Die Doku über die Kleiderindustrie kommt dir in den Sinn, die du letzten Samstag geschaut hast, und du erinnerst dich mit schlechtem Gewissen an deine guten Vorsätze.

Die nervigste aller Fragen: «Und du, was machst du so?»

Und dann steht plötzlich wie aus dem Nichts eine ehemalige Klassenkameradin vor deiner Nase und reisst dich unsanft aus deinen Gedanken. Nach einer zaghaften Begrüssung stellt sie dir die eine Frage. Die eine Frage, die du nicht mehr hören kannst. Die eine Frage, die in deinen Ohren schmerzt und einen Würgereiz im Hals auslöst: «Und duuuuuuuuuu, was machst du so?»

Klar, du könntest jetzt antworten: «Ich denke gerade über mein Konsumverhalten nach, über die Kinderarbeit in Bangladesch und den Dauerausverkauf in unseren Läden.» Diese Antwort würde sie garantiert vor den Kopf stossen und sie würde sich fragen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast. Denn darauf zielt ihre Frage natürlich nicht ab. Ihre Frage betrifft vielmehr das Heiligtum unserer Gesellschaft schlechthin: die Lohnarbeit. 

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Schönheit
Gesellschaft

Über die Frage, für wen sich frau schön macht

Neulich in der Mensa: Drei Studentinnen unterhielten sich angeregt über das Wochenende, den Ausgang und die bevorstehenden Prüfungen. Da meinte die eine, während sie ein Salatblatt aufspiesste: «Ich gehe jetzt wieder dreimal pro Woche laufen. In meinem Bikini sehe ich momentan aus wie ein Wackelpudding auf zwei Beinen.» Die zweite Frau grinste, nagte an ihrer Gurke und erwiderte: «Ich probiere es dieses Jahr mit Low-Carb und Hot Yoga. Ich sage dir, es ist krass, wie schnell du da abnimmst. Musst du unbedingt mal probieren.» Die dritte Frau schaute betreten zu Boden, zog ihr schlabbriges T-Shirt über den Hosenbund und biss verlegen in ihr halb aufgegessenes Schinkensandwich. Was sie sich wohl dachte?

Dieses Gespräch zeigt untrüglich, dass der Frühling vor der Tür steht. Denn spätestens mit den ersten Blumen, die ihre Köpfchen aus der Erde strecken, den steigenden Temperaturen und den (noch) zaghaften Sonnenstrahlen beginnt für viele Frauen wieder der alljährliche Wettstreit um die perfekte Bikinifigur. Den imaginären Pölsterchen an der Hüfte, der Cellulite an den Oberschenkeln und den Speckröllchen am Bauch, die sich im Winter noch wohlig unter einem Schlabberpulli verstecken liessen, wird der Krieg erklärt.

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Selbstverwirklichung
Selbstbestimmung

Wird Selbstverwirklichung überbewertet?

Es geschah vor Kurzem im Tram: In Gedanken versunken sass ich da und genoss die Frühlingsstimmung. Mir gegenüber hatten zwei Frauen um die zwanzig Platz genommen. Beide waren hübsch, gut gekleidet, trugen hochhackige Schuhe und elegante Mäntel. Die eine hatte ein bisschen zu viel Rouge aufgelegt und sich in der Lippenstiftfarbe vergriffen. Die Frauen unterhielten sich über ihre Jobs, die sie offenbar nicht mochten, lästerten über ihre Chefin und die nervigen Kunden. So weit so gut. Es war ein ganz alltägliches Gespräch unter Arbeitskolleginnen.

Selbstverwirklichung, nein danke!

Und da sagte die Frau mit den zu roten Wangen und dem zu grell geschminkten Mund: «Hast du gehört, Hannah will sich jetzt selbständig machen. Die faselt nur noch von Selbstverwirklichung und so. Also ich finde, Selbstverwirklichung wird total überbewertet. Das ist doch etwas für Träumer.» Ihre Kollegin nickte so heftig, dass ihr Pferdeschwanz wippte und pflichtete bei: «Hauptsache du hast einen sicheren Job. Das Leben ist halt kein Ponyhof.»

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Trumps Einreiseverbot
Gesellschaft

Warum Trumps Einreiseverbot den amerikanischen Traum zerstört

Donald Trumps Einreiseverbot für Muslime lässt die Welt Ende Januar 2017 erstarren: Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt macht der amerikanische Präsident seine Drohungen war und unterschreibt ein Dekret, das Muslimen aus sieben Ländern für 90 Tage untersagt, in die USA einzureisen. Und das ohne Prüfung oder Abklärung der persönlichen Situation. Zudem verbietet das Dekret jeglichen Flüchtlingen die Einreise kategorisch für 120 Tage, syrischen Flüchtlingen sogar für unbestimmte Zeit. Unterdessen hat ein Bundesrichter das Einreiseverbot vorläufig gestoppt. Doch wie die Sache ausgeht, ist nach wie vor unklar.

Trumps Amerika: das Land der begrenzten Möglichkeiten

Klar sollte jedoch spätestens jetzt sein, dass Trump eine ernsthafte Bedrohung für Amerika und die freie Welt darstellt. In erster Linie gefährdet er die hart erarbeiteten demokratischen Werte und rechtsstaatlichen Prinzipien. Aber auch den amerikanischen Traum stellt er auf die Probe. Der Traum, der besagt, dass es allen unabhängig von der Herkunft möglich sein soll, es zu etwas zu bringen. Dass Religionszugehörigkeit, Nationalität oder Ethnizität keine Rolle spielen, solange man nur täglich schuftet. Und dass selbst Tellerwäscher zu Millionären werden können.

Dass dieser Traum mit der Wirklichkeit so viel zu tun hat wie ein Hollywood-Streifen, ist unbestritten. Denn die soziale Herkunft bestimmt nach wie vor die Aufstiegsmöglichkeiten – das gilt für Europa ebenso wie für die USA. Doch Trumps Dekret lässt den amerikanischen Traum bereits an der Passkontrolle platzen. Wer den falschen Pass besitzt, hat hier ausgeträumt. Einer iranischen Wissenschaftlerin, die an einem Kongress teilnehmen möchte, wird die Einreise mit Hinweis auf ihre Nationalität verweigert. Ebenso einem irakischen Doppelbürger, der aus dem Urlaub heimkehrt. Und selbst syrische Kinder stellen plötzlich eine Gefahr für die USA dar.

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