Berndeutsch
Gesellschaft

Berndeutsch am Ende?

Das letzte Mal geschah es in einem Schuhgeschäft in der Berner Innenstadt: Ich streifte arglos durch die Gestelle und liess meine Finger über glitzrige Ballerinas, schwindelerregend hohe Pumps und sündhaft teure Lammfellstiefel gleiten, als mich eine freundliche Stimme jäh aus meinen Träumen riss. «Chani Ihne häufe?», fragte die Verkäuferin in breitestem Berndeutsch und lächelte mich erwartungsvoll an. Ich hatte ebenfalls zu einem höflichen Lächeln angesetzt, doch das Lächeln blieb mir ab der Frage ruckartig im Hals stecken, ich schluckte schwer, würgte eine Antwort hervor, doch der vorweihnachtliche Konsumrausch war vorbei. Raus wollte ich, bloss raus aus dem überheizten Geschäft, weit weg von der lächelnden Verkäuferin, mir die Ohren zuhalten, den pronominalen Übeltäter weit hinter mir lassen. Sie fragen sich, wovon ich spreche? Von der «falschen» Verwendung der Personalpronomen im Berndeutschen, davon spreche ich!

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Graue Haare
Selbstbestimmung

Graue Haare? Na und?!

Neulich trödelte ich vor dem Zubettgehen wieder einmal im Bad herum, mein Partner tigerte bereits vor der Tür auf und ab, meine Katze miaute vorwurfsvoll und trotzdem putzte ich meine Zähne ein zweites Mal ausgiebig mit meinem neuen, zu 90 % abbaubaren Zahnbürstli aus Bambus. Die Welt roch nach Biosalbei und Biominze und ich war rundum zufrieden. Schliesslich hatte ich soeben einen Beitrag für eine bessere Welt geleistet, oder? So nahm ich mir etwas zu viel Zeit, um mich ausgiebig im Spiegel zu betrachten. Und da entdeckte ich sie: Die ersten grauen Haare. Was? Graue Haare? Ich? No way! weiterlesen…

Graue Haare
Glück

Endstation Scheidung: verliebt, verheiratet, verfeindet

Ich tummelte mich gerade in den Niederungen des World Wide Web und klickte mich durch Granatapfelentkernungstutorials, als mich die Nachricht von Thomas Gottschalks Scheidung ereilte. Ja, ich gebe es zu: Die Neuigkeit erreichte mich per Brigitte Push-Nachrichten und warum ich die erhalte, weiss ich auch nicht so genau. Aber schweifen wir nicht ab: Nach 42 Jahren Ehe lassen sich Thomas Gottschalk (68) und seine Frau Thea (73) also scheiden, Deutschland ist laut Bunte «geschockt». Kurze Zeit später geht erneut ein Aufschrei durch die Nation. Offenbar hat der Fernsehmoderator bereits eine Neue und noch dazu eine zehn Jahre Jüngere, OH MEIN GOTT!

Ganz ehrlich, ich hatte bis zu jener fatalen Nachricht keine Ahnung, wie Thomas Gottschalks Frau heisst, und die Scheidung von Thomas und Thea lässt mich ziemlich kalt. Aber die Themen Heirat und Scheidung sind für mich brandaktuell – auch wenn oder vielmehr gerade weil ich nicht verheiratet bin. weiterlesen…

Gymi
Gesellschaft

Das Gymi

Haben Sie auch ein Samstagmorgenritual? Meins besteht darin, Tee aus einer rosaroten Einhorntasse zu trinken, Marmeladenbrötchen zu essen und «Das Magazin» zu lesen. Doch vorletzten Samstag blieb mir das Brötchen schier im Hals stecken. Ausgelöst hatte mein Beinahe-Ersticken ein Artikel über die Probezeit am Gymnasium. Im fraglichen Artikel schildert ein Vater die Probezeit seiner Tochter an einem Zürcher Gymnasium und die damit verbundenen Leiden seiner Familie. Ein Jahr zuvor hatte er bereits von den unmenschlichen Strapazen berichtet, die seine Familie vor den Gymiprüfungen der Tochter durchstehen musste. Doch inzwischen geht das Töchterchen tatsächlich aufs Gymi – und muss weitere schwere Prüfungen bestehen, um definitiv aufgenommen zu werden. weiterlesen…

Januar
Glück

Januar-Blues

Liebe Leserinnen und Leser, leiden Sie auch unter dem Januar-Blues? Haben Sie die Minustemperaturen, die ewige Dunkelheit und Ihre ambitiösen Neujahrsvorsätze langsam satt? Und sind Sie auch der Meinung, dass der Januar der vertrackteste Monat des Jahres ist?

Es ist doch so: Jeder Monat tanzt nach seinem eigenen Rhythmus – und der Januar ist besonders verkrampft. Der Dezember tanzt wie eine barocke Schönheit – schwerfällig, frivol und ein bisschen behäbig. Im Dezember lassen wir es uns gut gehen. Wir werfen das schwer verdiente Geld leichtfertig zum Fenster hinaus, schlagen uns die Bäuche voll, feiern die Liebe und schlafen wie Murmeltiere. Der Januar hingegen ist ein Miesepeter. Wenn er tanzt, dann tritt er höchstens zur Pflicht an. Doch viel lieber rennt und keucht er wie ein Leistungssportler. Sobald die Neujahrsglocken erklingen, kommt er ehrgeizig aus der Startbahn geschossen, sein Puls rast, seine Augen sind starr auf die Ziellinie gerichtet. Und unaufhörlich krächzt er: Abnehmen! Sparen! Trainieren! Verbessern! Optimieren! Das neue Jahr soll schliesslich besser werden als das alte.

Dementsprechend ächzen die Regale der Buchhandlungen im Januar unter all den Büchern zu Saftdiäten und Self-Growth-Ratgebern, die Zeitschriften überbieten sich mit Tipps zum Intervallfasten, zur Low-Fat-Küche und zur Senkung des Bluthochdrucks, Fitnessstudios haben Hochkonjunktur, in den sozialen Medien boomen Hashtags wie #Veganuary oder #Dryjanuary und selbst bei eisigem Wetter trifft man im Wald auf beleibte Jogger, die sich in viel zu warmer Kleidung schwer schwitzend verschneite Hügel hinaufschleppen. Oh Januar, du bürgst uns viel zu viel auf!

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Selbstfindung
Glück

Selbstfindung oder Selbsterfindung, das ist hier die Frage!

Ich entsorgte gerade Papier, Glas und Dosen und nervte mich über die Katzenfutter-, Olivenöl und Rotweinreste, die sich am Boden meiner Tasche zu einem ekligen Etwas vereint hatten, als mir der Satz an der gegenüberliegenden Mauer ins Auge sprang. Da hatte jemand in leuchtend blauen Buchstaben drei simple Wörter hingeschmiert: «Was wosch sy?»

Die drei leuchtend blauen Wörter sahen mich herausfordernd an. Sie kitzelten mich, sie neckten mich und sie liessen mich nicht mehr los. Sie begleiteten mich auf dem Nachhauseweg, beim Abendessenkochen und beim Einschlafen. Denn was, wenn die entscheidende Frage nicht lautet, wer wir sind, sondern wer wir sein wollen? Oder anders ausgedrückt: Ist die Selbsterfindung die neue Selbstfindung? weiterlesen…

Reisefrust
Gesellschaft

Reisefrust statt Reiselust: der wahre Preis des Reisens

Das „Grüezi” aus dem dunkelrot geschminkten Mund der Flight-Attendant beendet die Ferien abrupt. Müde kämpfen wir uns durch den langen Rumpf der Swiss, vorbei an stoisch lächelnden Flugbegleiterinnen und aufgeregten Passagieren. Direkt vor dem Notausgang sitzt ein Ehepaar, die Hände eng ineinander verschlungen, die Füssen wild wippend, die rettende Tür in Reichweite. Das Flugzeug ist komplett besetzt, die meisten Fluggäste sind Schweizer, die wie wir aus dem Irlandurlaub heimkehren. Unser zehntägiger Trip durch Irland war toll, das Wetter ungestüm, die Landschaft von wilder Schönheit. Doch ein schales Gefühl bleibt. Was suchen wir so dringend in der Ferne, das uns immer wieder dazu bringt, uns in eine enge, stickige und ohrenbetäubend laute Röhre zu quetschen und mit fast 800 Kilometern pro Stunde durch die Luft zu schiessen?

Wo die Abfallberge glitzern

Die Menschen sind noch nie so viel gereist wie heute. Was früher ein Privileg der Wohlbetuchten war, ist heute zur Massenaktivität verkommen. Billigflieger katapultieren uns in wenigen Stunden an meilenweit entfernte Orte, wo wir uns mit anderen Touristen durch enge Städtchen zwängen, wie Ölsardinen an einem Strand liegen oder stundenlang Schlange stehen, nur um uns in einem Museum gegenseitig auf die Füsse zu treten. Und selbst abseits der ausgetretenen Pfade pilgern heute Scharen von Touristen – den sozialen Medien sei Dank.

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Weiterbildung
Gesellschaft

Weiterbildung in den Ferien – echt jetzt?

Montagvormittag bei der Arbeit: Es sind Sommerferien, die Leute schlurfen in Badekleidung am Büro vorbei, unter ihren Armen klemmen bunte Gummieinhörner, Gummienten oder Gummiflamingos. Die Aare wartet. Neidisch blicke ich den immer kleiner werdenden Einhörnern hinterher. Für mich gibt es den Aareschwumm erst nach Feierabend – meine Sommerferien sind bereits Geschichte, die Geschichte ist schnell erzählt. Zwei Wochen Kroatien, viel Sonne, viel Wein, zu viele Touristen. Meine Gedanken schweifen ab, schlaftrunken klicke ich durch meine E-Mails, kämpfe mich durch Newsletters, Werbung, Werbung und noch mehr Werbung. Ein Kontingent für Werbung, das wäre doch mal was, oder? Und da stolpere ich über folgenden Satz, der mich unsanft in die montagmorgendliche, nach Kaffee und Gipfeli duftende Arbeitsrealität zurückholt: „Nutzen Sie die Urlaubszeit, um sich um Ihre Weiterbildung zu kümmern!”

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Barcelona
Glück

Lost in Barcelona

Wir warten. Und warten. Und warten. Ich schleiche mich noch einmal verstohlen zur Anzeigetafel, obwohl ich schon weiss, was da steht: Delayed. Unser Flug von Barcelona nach Genf hat mittlerweile über sechs Stunden Verspätung. Und der Start wird laufend nach hinten verschoben. In Frankreich streiken die Fluglotsen, das pure Chaos regiert den französischen Luftraum. Für uns heisst das: Wir haben keine Chance mehr, den letzten Zug von Genf nach Bern zu erwischen. Und werden einen ganzen Arbeitstag verpassen.

Eigentlich mag ich Flughäfen. Ich mag das Gewusel, das Sprachengewirr und die Anzeigetafeln, die Möglichkeiten verheissen: London, Bangkok, New York, Paris, Buenos Aires, wohin darf es gehen? Aber was macht man einen Tag lang in der Abflughalle von Barcelona el Prat? Essen oder shoppen, das ist hier die Frage! Wenn das Essen doch wenigstens gut wäre. Und nicht so schweineteuer!

Von einem Flugzeug, das nicht fliegt

Easy Jet hat uns als Entschädigung für den verlorenen Tag grosszügigerweise einen Gutschein von 18 Euro pro Person spendiert. Aus Langeweile schlagen wir uns die Bäuche voll: Früchte und Smoothies für das gute Gewissen, Chips, Schokolade und M&M’s gegen den Frust und zum krönenden Abschluss einen Double-Cheesburger. Mir ist schlecht. Und dann wird unser Flug nochmals um eine Stunde verschoben. ¡Ay caramba!

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Geisteswissenschaftler
Gesellschaft

Unterwegs im Uni-Dschungel: von Zahnbürsten, Zebras und Geisteswissenschaftlern

Meine Expedition durch den Uni-Dschungel beginnt an der privaten Hochschule für Wirtschaft – nein, genau genommen beginnt sie an der Bushaltestelle. Und mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Denn bereits der Bus rührt kräftig die Werbetrommel für die PHW. «Überhol deinen Chef rechts», steht da in grossen Lettern auf seinen Flanken. Was diese Werbekeule wohl kosten mag? Klar ist: Die PHW lässt sich nicht lumpen. Und die Studierenden wollen hoch hinaus – sie greifen für einen Bachelor of Science in Business Administration FH schliesslich tief in die Tasche – fast 38’000 Franken kosten hier acht Semester Studium. Ob sie wohl auch für ein Lektorat ihrer Bachelorarbeit zahlen würden? Ich werde es herausfinden.

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