Monatsarchive

März 2017

Arbeit
Gesellschaft

Identität und Arbeit: Ich arbeite, also bin ich?!

Kennst du das? Du schlenderst an einem gewöhnlichen Samstag durch die Stadt. Der Ausverkauf ist gerade in vollem Gang, die Schaufenster sind tapeziert mit grellen Plakaten, die «Sale» schreien und um deine Aufmerksamkeit kämpfen. Die Marketingstrategien sind offenbar erfolgreich, denn du ertappst dich dabei, wie du dich gedanklich intensiv mit den Stiefeln beschäftigt, die du eben gesehen hast. Jetzt überlegst du hin und her, ob es die schwarzen oder braunen sein sollen und ob du überhaupt neue Schuhe brauchst.

Innerlich ist dir natürlich klar, dass dich diese Stiefel nicht glücklich machen werden. Schliesslich steckt noch ein kleines Fünkchen Vernunft in dir. Und du weisst auch, dass du Stiefel im Schrank stehen hast, die es gut noch ein halbes Jahr machen werden. Und dass der endlose Ressourcenverschleiss die Welt in den Abgrund zu stürzen droht. Die Doku über die Kleiderindustrie kommt dir in den Sinn, die du letzten Samstag geschaut hast, und du erinnerst dich mit schlechtem Gewissen an deine guten Vorsätze.

Die nervigste aller Fragen: «Und du, was machst du so?»

Und dann steht plötzlich wie aus dem Nichts eine ehemalige Klassenkameradin vor deiner Nase und reisst dich unsanft aus deinen Gedanken. Nach einer zaghaften Begrüssung stellt sie dir die eine Frage. Die eine Frage, die du nicht mehr hören kannst. Die eine Frage, die in deinen Ohren schmerzt und einen Würgereiz im Hals auslöst: «Und duuuuuuuuuu, was machst du so?»

Klar, du könntest jetzt antworten: «Ich denke gerade über mein Konsumverhalten nach, über die Kinderarbeit in Bangladesch und den Dauerausverkauf in unseren Läden.» Diese Antwort würde sie garantiert vor den Kopf stossen und sie würde sich fragen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast. Denn darauf zielt ihre Frage natürlich nicht ab. Ihre Frage betrifft vielmehr das Heiligtum unserer Gesellschaft schlechthin: die Lohnarbeit. 

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Schönheit
Gesellschaft

Über die Frage, für wen sich frau schön macht

Neulich in der Mensa: Drei Studentinnen unterhielten sich angeregt über das Wochenende, den Ausgang und die bevorstehenden Prüfungen. Da meinte die eine, während sie ein Salatblatt aufspiesste: «Ich gehe jetzt wieder dreimal pro Woche laufen. In meinem Bikini sehe ich momentan aus wie ein Wackelpudding auf zwei Beinen.» Die zweite Frau grinste, nagte an ihrer Gurke und erwiderte: «Ich probiere es dieses Jahr mit Low-Carb und Hot Yoga. Ich sage dir, es ist krass, wie schnell du da abnimmst. Musst du unbedingt mal probieren.» Die dritte Frau schaute betreten zu Boden, zog ihr schlabbriges T-Shirt über den Hosenbund und biss verlegen in ihr halb aufgegessenes Schinkensandwich. Was sie sich wohl dachte?

Dieses Gespräch zeigt untrüglich, dass der Frühling vor der Tür steht. Denn spätestens mit den ersten Blumen, die ihre Köpfchen aus der Erde strecken, den steigenden Temperaturen und den (noch) zaghaften Sonnenstrahlen beginnt für viele Frauen wieder der alljährliche Wettstreit um die perfekte Bikinifigur. Den imaginären Pölsterchen an der Hüfte, der Cellulite an den Oberschenkeln und den Speckröllchen am Bauch, die sich im Winter noch wohlig unter einem Schlabberpulli verstecken liessen, wird der Krieg erklärt.

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Selbstverwirklichung
Selbstbestimmung

Wird Selbstverwirklichung überbewertet?

Es geschah vor Kurzem im Tram: In Gedanken versunken sass ich da und genoss die Frühlingsstimmung. Mir gegenüber hatten zwei Frauen um die zwanzig Platz genommen. Beide waren hübsch, gut gekleidet, trugen hochhackige Schuhe und elegante Mäntel. Die eine hatte ein bisschen zu viel Rouge aufgelegt und sich in der Lippenstiftfarbe vergriffen. Die Frauen unterhielten sich über ihre Jobs, die sie offenbar nicht mochten, lästerten über ihre Chefin und die nervigen Kunden. So weit so gut. Es war ein ganz alltägliches Gespräch unter Arbeitskolleginnen.

Selbstverwirklichung, nein danke!

Und da sagte die Frau mit den zu roten Wangen und dem zu grell geschminkten Mund: «Hast du gehört, Hannah will sich jetzt selbständig machen. Die faselt nur noch von Selbstverwirklichung und so. Also ich finde, Selbstverwirklichung wird total überbewertet. Das ist doch etwas für Träumer.» Ihre Kollegin nickte so heftig, dass ihr Pferdeschwanz wippte und pflichtete bei: «Hauptsache du hast einen sicheren Job. Das Leben ist halt kein Ponyhof.»

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Trumps Einreiseverbot
Gesellschaft

Warum Trumps Einreiseverbot den amerikanischen Traum zerstört

Donald Trumps Einreiseverbot für Muslime lässt die Welt Ende Januar 2017 erstarren: Nur wenige Tage nach seinem Amtsantritt macht der amerikanische Präsident seine Drohungen war und unterschreibt ein Dekret, das Muslimen aus sieben Ländern für 90 Tage untersagt, in die USA einzureisen. Und das ohne Prüfung oder Abklärung der persönlichen Situation. Zudem verbietet das Dekret jeglichen Flüchtlingen die Einreise kategorisch für 120 Tage, syrischen Flüchtlingen sogar für unbestimmte Zeit. Unterdessen hat ein Bundesrichter das Einreiseverbot vorläufig gestoppt. Doch wie die Sache ausgeht, ist nach wie vor unklar.

Trumps Amerika: das Land der begrenzten Möglichkeiten

Klar sollte jedoch spätestens jetzt sein, dass Trump eine ernsthafte Bedrohung für Amerika und die freie Welt darstellt. In erster Linie gefährdet er die hart erarbeiteten demokratischen Werte und rechtsstaatlichen Prinzipien. Aber auch den amerikanischen Traum stellt er auf die Probe. Der Traum, der besagt, dass es allen unabhängig von der Herkunft möglich sein soll, es zu etwas zu bringen. Dass Religionszugehörigkeit, Nationalität oder Ethnizität keine Rolle spielen, solange man nur täglich schuftet. Und dass selbst Tellerwäscher zu Millionären werden können.

Dass dieser Traum mit der Wirklichkeit so viel zu tun hat wie ein Hollywood-Streifen, ist unbestritten. Denn die soziale Herkunft bestimmt nach wie vor die Aufstiegsmöglichkeiten – das gilt für Europa ebenso wie für die USA. Doch Trumps Dekret lässt den amerikanischen Traum bereits an der Passkontrolle platzen. Wer den falschen Pass besitzt, hat hier ausgeträumt. Einer iranischen Wissenschaftlerin, die an einem Kongress teilnehmen möchte, wird die Einreise mit Hinweis auf ihre Nationalität verweigert. Ebenso einem irakischen Doppelbürger, der aus dem Urlaub heimkehrt. Und selbst syrische Kinder stellen plötzlich eine Gefahr für die USA dar.

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