Berndeutsch
Gesellschaft

Berndeutsch am Ende?

Das letzte Mal geschah es in einem Schuhgeschäft in der Berner Innenstadt: Ich streifte arglos durch die Gestelle und liess meine Finger über glitzrige Ballerinas, schwindelerregend hohe Pumps und sündhaft teure Lammfellstiefel gleiten, als mich eine freundliche Stimme jäh aus meinen Träumen riss. «Chani Ihne häufe?», fragte die Verkäuferin in breitestem Berndeutsch und lächelte mich erwartungsvoll an. Ich hatte ebenfalls zu einem höflichen Lächeln angesetzt, doch das Lächeln blieb mir ab der Frage ruckartig im Hals stecken, ich schluckte schwer, würgte eine Antwort hervor, doch der vorweihnachtliche Konsumrausch war vorbei. Raus wollte ich, bloss raus aus dem überheizten Geschäft, weit weg von der lächelnden Verkäuferin, mir die Ohren zuhalten, den pronominalen Übeltäter weit hinter mir lassen. Sie fragen sich, wovon ich spreche? Von der «falschen» Verwendung der Personalpronomen im Berndeutschen, davon spreche ich!

Warum wir auf Berndeutsch Grüessech sagen

Wir Berner sind ja angeblich langsam, aber langsam, ganz langsam streckt der pronominale Übeltäter auch in unseren Gefilden seine Fühler aus und macht es sich hier so richtig gemütlich. Er tanzt durch alle sozialen Milieus, kennt keine Altersbeschränkung und begegnet mir in der Stadt beinahe überall: Im Restaurant, im Café, im Bus, im Schuhgeschäft, an der Tramhaltestelle, in der Migros, im Yoga-Kurs. Euch o? Oder sollte ich besser fragen: Ihne o?

Was der Übeltäter verbrochen hat? Na so einiges. Hier übernimmt jetzt die Germanistin und Lehrertochter für einen kleinen Exkurs, bitte entschuldigen Sie den belehrenden Ton. Im Berndeutschen verwenden wir – im Gegensatz zum Standarddeutschen oder anderen schweizerdeutschen Dialekten – die 2. Person Plural als Höflichkeitsform. Korrekterweise begrüsst das Berner Verkaufspersonal die Kunden also mit Grüessech (Grüsse Euch, Akkusativ), fragt Heit Dir aues gfunge? (Nominativ) oder Chani Euch häufe? (Dativ) und verabschiedet sich mit einem schön kratzigen Merci Euch! (Dativ).

Doch warum werden wir in Bern vermehrt mit einem Grüezi (Grüsse Sie) willkommen geheissen, sagt die Verkäuferin – notabene in breitestem Berndeutsch inklusive l-Vokalisierung und nd-Velarisierung – Chani Ihne häufe? oder Hei Sie aues gfunge? und verabschiedet uns mit I danke Ihne? Wird das in Verkaufstrainings so gelehrt? Gilt die (nord)ostschweizerische Version fälschlicherweise als höflicher? Ist der Sprachgebrauch möglicherweise Ausdruck der wirtschaftlichen Dominanz der Nordostschweiz? Oder handelt es sich hierbei um einen ganz normalen Fall von Sprachwandel?

Sprachwandel ist normal, aber …

An der Uni haben wir es des Langen und Breiten durchgekaut: Die Sprache ist wie ein Chamäleon, sie wandelt sich ständig. Wer sich über den Sprachwandel beklagt, beklagt sich also nicht nur darüber, dass das Chamäleon tut, was ein Chamäleon eben tun muss. Nein, er oder sie vertritt auch eine früher-war-alles-besser-Mentalität. Und diese lässt sich leicht widerlegen. So weit sind wir uns einig, oder?

Aber Hand aufs Herz, wissen Sie noch, was vernischte, vernüele oder verräble heisst? Und wann haben Sie das letzte Mal jemanden verrätscht, briegget, plegeret oder an der Kasse nach einem Lödli gefragt? Seien Sie ehrlich, vor allem die jüngeren Semester unter Ihnen: Wie oft benutzen Sie stattdessen Wörter wie cool, Food Corner, Sale, OMG oder asap? Eben, sehen Sie?

Die fetten Jahre sind vorbei

Na gut, fertig gejammert. Schliesslich hat meine Generation das Wörtchen cool in die deutsche Sprache eingeführt und Lehrer und Eltern damit noch auf die Palme gebracht. Ja, das waren noch wilde Zeiten. Und schöne. Vielleicht verstricke ich mich also tatsächlich gerade in der Früher-war-alles-besser-Leier. Vielleicht werde ich auch bloss älter, meine Sprache ist nicht mehr ganz so cool, die fetten Jahre sind langsam aber sicher vorbei. Und das muss ich akzeptieren.

Aber Sprachwandel und Alterserscheinungen hin oder her, für mich steht eins fest: Es tut ganz schön weh, dass hochdeutschen Strukturen und englische Wörter das Berndeutsche langsam ersticken und die Schweizer Dialekte immer mehr zu einem Einheitsbrei verkommen. Sollen wir denn künftig alle sprechen wie Alain Sutter? Nei merci! Oder was meinet Dir?

Liebe Bernerinnen und Berner, warum benutzen wir in Bern vermehrt die 3. Person Plural als Höflichkeitsform? Handelt es sich hierbei um einen normalen Fall von Sprachwandel? Oder wie ist dieses Phänomen zu deuten? Ich bin gespannt auf Ihren Kommentar. Merci viumau!

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