Das Gymi

Haben Sie auch ein Samstagmorgenritual? Meins besteht darin, Tee aus einer rosaroten Einhorntasse zu trinken, Marmeladenbrötchen zu essen und «Das Magazin» zu lesen. Doch vorletzten Samstag blieb mir das Brötchen schier im Hals stecken. Ausgelöst hatte mein Beinahe-Ersticken ein Artikel über die Probezeit am Gymnasium. Im fraglichen Artikel schildert ein Vater die Probezeit seiner Tochter an einem Zürcher Gymnasium und die damit verbundenen Leiden seiner Familie. Ein Jahr zuvor hatte er bereits von den unmenschlichen Strapazen berichtet, die seine Familie vor den Gymiprüfungen der Tochter durchstehen musste. Doch inzwischen geht das Töchterchen tatsächlich aufs Gymi – und muss weitere schwere Prüfungen bestehen, um definitiv aufgenommen zu werden.

Die neuen Leiden von Lottas Familie

Widmen wir uns also den neuen Leiden von Lottas Familie. Lotta – die natürlich nicht Lotta heisst – beziehungsweise Lottas Eltern haben ein klares Ziel vor Augen: Die definitive Aufnahme Lottas ans Gymi. Somit wird Lottas Lernerfolg fortan alles untergeordnet: In den Ferien wird repetiert, was das Zeug hält, Lotta erhält ein lernoptimiertes Pult, Fernsehen und Lesen unter der Bettdecke sind bis auf Weiteres gestrichen, der Vater büffelt nach Feierabend Geografie und lateinische Vokabeln und der kleinen Schwester wird nahe gelegt, nach der Schule zu ihren Freundinnen zu gehen, damit sie den Lernerfolg Lottas nicht gefährdet. Derweil erfasst die Mutter Lottas Noten systematisch in einer eigens dafür kreierten App und hängt die Liste mit den 38 Prüfungen, die Lotta bestehen muss, um definitiv ans Gymi aufgenommen zu werden, ans Anschlagbrett neben der Haustür. Es fehlt nur noch die Fussmatte mit der Aufschrift: «Herzlich willkommen im Bootcamp, liebe Kinder!»

Doch der militärische Drill lohnt sich – Lotta schafft es definitiv ans Gymi und darf jetzt zur Belohnung samstagabends schon mal mit dem Vater über die Fallfehler des Fernsehmoderators spotten. Lotta hat zumindest eine Lektion gelernt: die des elitären Snobismus.

Das Gymi vermittelt Starallüren

Das Gymi vermittelt zweifellos viel Wissen, aber leider auch Starallüren und Divengehabe. Im Gymnasium lernt man nämlich, dass man etwas Besseres ist. Mit Grauen erinnere ich mich an den Satz, den uns die Französischlehrerin an der Maturafeier vor bald zwanzig Jahren mit auf den Weg gab: «Jetzt sind Sie zu Menschen geworden, vorher schwammen Sie ziellos umher wie Fische im Teich.» Den Satz unterstrich sie mit eindrücklichen Schnappbewegungen. Aber Madame, sind all jene, die keine Matura haben, einfältige Fische? Und sind Fische wirklich so dumm?

Doch bei der Französischlehrerin blieb es nicht, auch der Rektor verabschiedete uns pathetisch: «Sie sind die zukünftige Elite unseres Landes!» Eine Elite, die sich, nachdem Mami und Papi mit stolzgeschwellter Brust davon gerauscht waren, zuerst einmal richtig schön betrank und dann für die nächsten paar Wochen entweder jeden Tag bis nach Mittag pennte und anschliessend «Friends» oder «Emergency Room» in der Endlosschleife guckte, oder irgendwo in einem englischsprachigen Land auf Papis Kosten Wettspucken übte, anstatt englische Grammatik zu büffeln.

Aber zurück zu Lotta: Auch sie hat gelernt, dass sie ab jetzt zur Elite zählt und auf andere spöttisch herunterschauen darf. Der Französischunterricht an der Primarschule war ihrer Meinung nach «Freestyle», aber sie merkt natürlich gleich, dass es die Lehrer am Gymi wirklich draufhaben, denn: «Der Mathematiklehrer hat – anders als in der Primarschule – Mathematik studiert. Und die Biologielehrerin Biologie.» Aber liebe Lotta, wird, wer Geschichte studiert hat, dadurch automatisch zu einem guten Geschichtslehrer? Und versteht der wirklich etwas von Geschichte? Ich habe Geschichte studiert und muss dir sagen, das war manchmal ziemlicher Freestyle! Und ich bin überzeugt, dass mein kleiner Bruder, der keine Matura hat, mehr über Geschichte weiss als ich, obwohl ich mein Studium mit einer glänzenden Note abgeschlossen habe. Ein Uni-Diplom heisst also noch lange nicht, dass man’s wirklich draufhat.

Jeder zweite Gymnasiast nimmt Nachhilfe

Weiter stösst mir sauer auf, dass die soziale Herkunft auch in einer offenen Gesellschaft wie der Schweiz den Bildungsabschluss nach wie vor massgebend bestimmt. Ein Kind aus einer Arbeiterfamilie hat nicht die gleichen Chancen wie ein Anwaltskind. Das war schon immer so und ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, nicht nur auf das Geld.

Doch heute ist der schulische Druck so gestiegen, dass Statistiken zufolge jeder zweite Gymnasiast in die Nachhilfe geht. Zum Vergleich: In meiner Klasse nahm niemand Nachhilfestunden. Denn Nachhilfestunden kosten ganz schön viel Geld. Und das kann nicht jeder einfach so aus dem Sack zaubern.

Aber Nachhilfestunden sind nur das Standard-Treatment der heutigen Gymnasiasten. Darüber hinaus ist es in gewissen Milieus gang und gäbe, dass Eltern ihren (fast) volljährigen Kindern Referate, Aufsätze oder Maturaarbeiten schreiben oder diese gar professionell schreiben lassen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Doch was ist mit jenen, die sich das nicht leisten können? Müssen die weniger Betuchten jetzt schon mit professionellen Textern konkurrieren? Werden diese Kinder je lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und etwas aus eigener Kraft zu schaffen? Und möchten Sie solche Kinder später als Arzt oder Anwalt an Ihrer Seite wissen?

Die Matura ist kein Garantieschein für Erfolg

Problematisch ist drittens der Dauerstress, dem die Kinder ausgesetzt werden. Kein Wunder also, haben die dann mit zwölf das erste Burn-out. Doch Lottas Vater hat nur das Beste im Sinn. Er erklärt sein Verhalten so: «Ich will meine Kinder beschützen, auch wenn kinderlose Millennials ständig in den Zeitungen schreiben, dass heutige Eltern es übertreiben mit der Kontrolle.» Ja, ich gehöre ab jetzt wohl auch zum Club der dichtenden Millennials.

Aber lieber Vater von Lotta, ich möchte Ihnen aus der Sicht einer kinderlosen Millennial Folgendes sagen: Ich verstehe sehr gut, dass Sie für Ihr Kind nur das Beste möchten. Das ist quasi ein menschlicher Urinstinkt. Doch ist der Besuch des Gymnasiums wirklich das Nonplusultra? Gibt es nicht andere und möglicherweise gar sicherere Wege, die nach Rom führen? Denn auch mit der Matura steht Lotta die Welt nicht offen. Im Gegenteil: Danach fängt der Stress erst richtig an.

An der Uni werden die Dozenten Lotta als erstes sagen, dass sie nicht über die nötige Hochschulreife verfüge, da die heutigen Gymnasien Bullshit seien. Setzen sie sich also schon mal mit dem Gedanken auseinander, Lottas Bachelorarbeit zu schreiben. Ähm, ich meine natürlich, jemanden dafür zu bezahlen. Und nach der Uni geht der Kampf weiter. Denn die Arbeitgeber werden Lotta als Akademikerin abstempeln, die nicht weiss, was Arbeit bedeutet. Demzufolge muss sie sich zuerst in unterbezahlten Praktika beweisen. Und beim Kaffeekochen sind die erworbenen gymnasialen Starallüren mehr als hinderlich. Ihren ersten richtigen Lohn wird Lotta Ende zwanzig verdienen – und dann wird sie möglicherweise schon an Familienplanung denken und mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hadern. Doch das ist ein anderes Thema.

Hätte ich doch eine Lehre gemacht!

Der Besuch des Gymis bedeutet also noch lange keinen Sechser im Lotto. Im Gegenteil: Ich wünsche mir oft, einen anderen Weg gewählt zu haben. In solch existenziellen Krisen schiele ich dann neidisch zu Kolleginnen und Kollegen, die eine Lehre gemacht haben, und denke insgeheim, dass diese besser dran sind als ich – und zwar nicht nur finanziell. Denn aufs Berufsleben werden wir Akademiker, und Gymnasiasten schlagen ja meistens den Weg über die Uni ein, schlecht vorbereitet. Doch gerade als Akademiker und insbesondere dann, wenn man Orchideenfächer studiert, muss man lernen, sich durchzuschlagen und unbekannte Wege zu gehen. Aber wie soll das diese Generation schaffen, wenn ihnen ihre Eltern ständig alles abnehmen?

Liebe Leserinnen und Leser, ist es wirklich sinnvoll, sein Kind mit allen Mitteln durchs Gymnasium zu pushen? Wie weit darf man gehen? Und erlaubt es nicht gerade unser duales Bildungssystem, auch ohne Matura beruflich weit zu kommen?

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