Arbeit
Grosse Fragen

Identität und Arbeit: Ich arbeite, also bin ich?

Kennst du das? Du schlenderst an einem gewöhnlichen Samstag durch die Stadt. Der Ausverkauf ist gerade in vollem Gang, die Schaufenster sind tapeziert mit grellen Plakaten, die «Sale» schreien und um deine Aufmerksamkeit buhlen. Die Marketingstrategien sind offenbar erfolgreich, denn du ertappst dich dabei, wie du dich intensiv mit den Stiefeln beschäftigst, die du eben gesehen hast. Jetzt überlegst du hin und her, ob es die schwarzen oder braunen sein sollen und ob du überhaupt neue Schuhe brauchst.

Dir ist natürlich klar, dass dich diese Stiefel nicht glücklich machen werden. Schliesslich steckt noch ein Fünkchen Vernunft in dir. Und du weisst auch, dass du Stiefel im Schrank stehen hast, die es gut noch ein halbes Jahr machen werden. Und dass der endlose Ressourcenverschleiss die Welt in den Abgrund zu stürzen droht. Die Doku über die Kleiderindustrie kommt dir in den Sinn, die du letzten Samstag geguckt hast, und du erinnerst dich mit schlechtem Gewissen an deine guten Vorsätze.

Die nervigste aller Fragen: «Und du, was machst du so?»

Und dann steht plötzlich wie aus dem Nichts eine ehemalige Klassenkameradin vor deiner Nase und reisst dich unsanft aus deinen Gedanken. Nach einer zaghaften Begrüssung stellt sie dir die eine Frage. Die eine Frage, die du nicht mehr hören kannst. Die eine Frage, die in deinen Ohren schmerzt und einen Würgereiz im Hals auslöst: «Und duuuuuuuuuu, was machst du so?»

Klar, du könntest jetzt nonchalant antworten: «Ich denke gerade über mein Konsumverhalten nach, über die Kinderarbeit in Bangladesch und den Dauerausverkauf in unseren Läden.» Diese Antwort würde deine Ex-Klassenkameradin garantiert vor den Kopf stossen und sie würde sich fragen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast. Denn darauf zielt ihre Frage natürlich nicht ab. Ihre Frage betrifft vielmehr das Heiligtum unserer Gesellschaft: die Lohnarbeit. 

Warum ich mich nicht über meine Arbeit definiere

Zugegeben, es gibt grössere Probleme auf der Welt als diese an sich harmlose Frage. Doch die Frage nervt mich. Sie nervt mich, weil ich mich nicht über meine Arbeit definieren will. Weil ich mehr bin als die E-Mails, die ich beantworte, die Artikel, die ich lese, oder die Tabellen, die ich erstelle.

Wir alle sind viele. Ich bin zum Beispiel: Frau, Freundin, Tochter, Schwester, Kollegin, Leseratte, Katzenmama, Idealistin, Sozialanthropologin, Germanistin, Geschichtenausdenkerin, Möchte-gern-Autorin, Bloggerin, Chaotin, Hobbyköchin, Yogaenthusiastin, Träumerin, hoffnungslose Romantikerin. Und ja, ich habe auch einen Job. Einen Job, den ich mag. Dafür bin ich dankbar. Aber dieser Job ist nur ein Teil meines Lebens. Er definiert mich nicht.

Die Formel ist einfach: weniger Arbeit, weniger Konsum

Zudem zieht die eine nervige Frage gewöhnlich weitere nervige Fragen nach sich: Zum Beispiel: «Ahaaaaa, du arbeitest NUR Teilzeit. Weshalb denn das?»

Erstens: Warum müssen wir uns dafür rechtfertigen, was wir arbeiten und wie viel wir arbeiten? Ist Teilzeitarbeit für manche Menschen vielleicht ein Affront, weil sie neidisch sind? Weil sie selbst beruflich gerne kürzertreten würden, um ihre Träume zu leben, ihnen dazu aber der Mut fehlt?

Teilzeit zu arbeiten ist für mich eine bewusste Entscheidung, die mit «Entbehrungen» einhergeht. Ich kann mir gewisse Dinge nicht leisten, die für andere selbstverständlich sind: Auswärts essen zu gehen ist für mich zum Beispiel ein Luxus, den ich mir sehr selten gönne. Ich habe weder ein Auto noch ein Abo für den öffentlichen Verkehr. Stattdessen benutze ich mein altes Fahrrad, um von A nach B zu gelangen. Oder ich gehe zu Fuss. Und diesen Text schreibe ich an einem Occasion-Laptop, auf einem klapprigen Stuhl, der von seinem vorherigen Besitzer zur Adoption freigegeben wurde. Doch es ist im Grunde genommen falsch, von Entbehrungen zu sprechen. Denn: Ich vermisse nichts.

Vielmehr ist mir klar geworden, wie wenig Materielles ich tatsächlich benötige, um glücklich zu sein. Seien wir ehrlich: Arbeiten wir über 40 Stunden pro Woche, um am Samstagabend übermüdet am extra Cüpli zu schlürfen oder übersättigt im 5-Gang-Menü herumzustochern? Lohnt sich das? Fungiert der endlose Konsum nicht als eine Art Ersatzhandlung, als eine Ersatzbefriedigung für unsere verlorene Freiheit? Und arbeiten wir letztlich bloss so viel, um immer mehr konsumieren zu können?

Die Lohnarbeit: das Heiligtum des postmodernen Menschen?

Zweitens: Warum ist die Frage nach der Arbeit so zentral? Warum ist sie so dringend, dass wir sie einem Menschen, den wir seit Jahren nicht mehr gesehen haben, als Erstes stellen müssen? Gäbe es nicht wichtigere Fragen?

Liegt es vielleicht daran, dass die viel zitierte Work-Life-Balance für viele Menschen bloss ein Wunschtraum ist? Ja, wir leben in einem Zeitalter, in dem die Arbeit immer mehr von uns abverlangt und immer tiefer in unser Privatleben vorstösst. Zielt die Frage also darauf ab, uns bestätigen zu lassen, dass das Leben halt kein Ponyhof ist und es keinen Ausweg aus dem überfordernden Arbeitsalltag gibt?

Oder brennt uns die Frage derart auf der Zunge, da zu viele ihre Zeit mit einer Tätigkeit verbringen, die sie nicht wirklich mögen? Wollen wir uns mit dieser Frage also versichern, dass andere in ihrem Job noch unglücklicher sind als wir? Und folglich alles gut ist?

Oder geht es im Gegenteil darum abzuchecken, wer beruflich erfolgreicher ist? Löst es Angst aus, wenn Menschen bewusst darauf verzichten, Karriere zu machen, weil sie damit zeigen, dass Arbeit nicht alles ist? Und dass es – zumindest in unserer westlichen Welt – möglich ist, ein selbstbestimmteres Leben zu führen? Ein Leben, das nicht ausschliesslich von der Arbeit diktiert wird?

Manchmal beschleicht mich das ungute Gefühl, dass die Lohnarbeit für den postmodernen Menschen etwas Heiliges ist, das nicht hinterfragt werden darf. Und dass landauf, landab das Motto gilt: «Ich arbeite, also bin ich.»

Liebe Leserin, lieber Leser, deine Meinung interessiert mich. Warum definieren wir uns so stark über unsere Arbeit? Ich freue mich über deinen Kommentar.

Buchempfehlung: Robert Wringham 2016: Ich bin raus. Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung. München: Heyne Verlag.

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2 Kommentare

  • Antworten Roland Eberhard 13. Januar 2020 nach 17:09

    Hallo Eveline Anne

    Kompliment, spannender Text resp. Gedanken von Dir.
    Ich mache im Alltag dieselben Beobachtungen.

    Vermutlich empfindest Du dieses Verhalten oder Streben deiner Mitmenschen als bizarr weil Du es geschafft hast
    dich größtenteils außerhalb der sogenannten Tretmühlen (Hamsterrad) zu bewegen.
    Du benötigst vermutlich keine Luxusgüter um deinen Status in der Gesellschaft zu positionieren;-)

    Ein paar Erklärungsversuche warum wir uns so stark über die Arbeit definieren:

    1) In der westlichen Gesellschaft (Europa, Nordamerika) glauben die Menschen noch heute,
    dass wenn Sie mehr verdienen würden, dann würden sie zukünftig (noch) glücklicher sein.
    So streben Sie fortlaufend nach mehr … mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Kleider, mehr Reisen, mehr Liebe…
    Nur die Zeit wird nicht mehr! Also versuchen sie diese Freizeit so intensiv zu nutzen wie es nur geht.
    Der Mensch will von seinem Umfeld wahrgenommen werden und mag irgendwo zugehörig sein.
    Dies zwingt ihn dann immer weiter mehr zu arbeiten resp. nach mehr Lohn zu streben.

    Beispiele:
    – Die gute Freundin die den Tag alleine zu Hause als verschwendete Zeit betrachtet.
    – Der Familienvater der seit zwanzig Jahren ein Autos least für welche er jeweils mehrere Jahre arbeiten müsste.
    – Das junge Paar welches die Hochzeit richtig fett feiert obwohl nichts Erspartes vorhanden ist.

    2) Genügsamkeit ist in der Gesellschaft nicht anerkannt resp. wird falsch verstanden.
    Wer nicht “alles” für seinen Job gibt, oder sich ab einem bestimmten Punkt genügsam und zufrieden gibt, gilt als unmotiviert und
    ambitionslos. Das verwirrt Menschen in unserer Gesellschaft. Warum will er nicht mehr?

    Beispiele:
    – Ein neues Direktionsmitglied in einem Unternehmen wählt freiwillig ein preiswerteres Modell als ihm eigentlich zustehen würde.
    – Doppelverdiener-Paare welches sich ein Auto teilt.

    LG Roland

    Buchtipp: Die Tretmühlen des Glücks (Mathias Binswanger)

    • Antworten Eveline 14. Januar 2020 nach 10:13

      Hallo Roland

      Herzlichen Dank für den interessanten Kommentar und den Buchtipp! Ich bin ganz deiner Meinung: Der Glaube, dass Geld glücklich macht, ist tief in unserer Gesellschaft verankert und “zwingt” uns, immer mehr zu arbeiten, mehr zu verdienen, mehr auszugeben. Menschen, die sich diesem Hamsterrad freiwillig entziehen, werden viel zu schnell als ambitionslos oder als Versager abgestempelt. Dabei wäre Genügsamkeit eine wichtige Tugend, gerade in unserer heutigen Zeit, in der die Folgen des Überkonsums nicht mehr wegzudiskutieren sind.

      Liebe Grüsse

      Eveline

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