Studentenzeit
Glück

Die Studentenzeit: Die besten Jahre des Lebens?

Ich hätte nie gedacht, dass ich dies einmal sagen, eh pardon schreiben würde. Aber ganz ehrlich, ich beneide sie. Die Schwärme von Erstsemestern, die in diesen Tagen auf der Suche nach dem richtigen Vorlesungssaal oder Seminarraum wie aufgescheuchte Bienen auf dem Unigelände herumschwirren, den Rucksack voller Skripte und Bücher, die sie mangels Zeit nie alle lesen werden, den Kopf voller Zukunftsträume. Nichts Geringeres als Neurochirurg wollen sie werden, Menschenrechtsanwalt, Meeresbiologe oder Fernsehjournalist. Ach, wie grossartig die Zeiten doch waren, als wir noch Träume hatten. Und alles möglich schien.

Der Herbst duftet nach Uni, Freiheit und durchgelernten Nächten

Der Herbst riecht für mich auch mit 35 Jahren noch nach Unibeginn, nach Freiheit, Jugend und Unbeschwertheit. Ja, ich vermisse diese Zeit, in der es keine grösseren Sorgen gab als WG-Putzpläne, nervtötende Nebenjobs, öde Semesterarbeiten und ein paar Prüfungen zum Semesterende.

Doch was vermisse ich eigentlich? Vorlesungen in stickigen Räumen, die ich mangels Platz kauernd auf der Treppe verbrachte? Professoren, die ihr Skript so schnell herunterbrabbelten, dass es unmöglich war, sich Notizen zu machen, geschweige denn, dem Unterricht zu folgen? Vorlesungen über Verwandtschaftsethnologie, den Sonderbundskrieg und Medienrecht? Magenschmerzen von zu viel billigem Milchkaffee aus Pappbechern? Durchgelernte Nächte, wichtigtuerische Kommilitonen und Streitereien mit meinen Mitbewohnern, zum Beispiel über die wichtige Frage, wer den Abfall rausstellen oder das Klo reinigen muss?

Nein, ich vermisse vor allem eins: Das euphorische Gefühl, dass das Leben vor mir liegt wie ein leeres Blatt Papier, das auf den ersten Pinselstrich wartet.

(Aus-)Probieren geht über studieren

Doch mit welcher Farbe soll man beginnen, welchen Weg soll man beschreiten? Glaubt mir, ich bin viel gestolpert, habe Fächer gewechselt und getauscht und am Ende zwei Studiengänge abgeschlossen. Und nach dem Studium wurde es nicht einfacher, im Gegenteil: Die Suche ging weiter. Erst jetzt, mit Mitte dreissig, bin ich dem beruflichen Glück auf der Spur.

Seien wir doch ehrlich: Steht man am Anfang des Studiums oder Berufslebens, ist es unmöglich zu wissen, ob der gewählte Weg steil oder flach, eben oder holprig ist. Und ob er einem überhaupt behagt. Kurzum: Man weiss nicht, was einen erwartet und wohin die Reise führen wird.

Deshalb ist es wichtig, auszuprobieren und die kleinen verschlungenen Wege abseits der grossen Pfade zu erkunden. Denn vielleicht findet man das Glück genau da, irgendwo in einer fakultativen Vorlesung über Geschlechtersoziologie oder Mode im Mittelalter. Oder vielleicht realisiert man – über einer Seminararbeit brütend –, dass man viel lieber mit Menschen arbeitet als forscht. Oder dass man sich eher für die deutsche Grammatik als für matrilineare Gesellschaften und den Sonderbundskrieg begeistern kann. So wie ich.

Doch heute ist das Ausprobieren und Sich-selbst-Kennenlernen schwieriger geworden. Schüler und Studenten werden möglichst effizient durch das Bildungswesen geschleust, mit dem Ziel, sie zu brauchbarem Humankapital zu formen. Doch ob das letztlich nachhaltig ist? Bräuchten wir nicht gerade heute mehr Querdenker als Konformisten?

Studentenzeit: Die richtig fetten Jahre

Doch zurück zu den Erstis. Liebe Erstsemester, mein Rat an euch lautet: Studiert nicht kopflos, gerade wenn ihr – so wie ich – Geistes- oder Sozialwissenschaften gewählt habt, denn die Arbeitswelt wartet nicht auf euch. Legt euch zumindest einen vagen Plan im Hinterkopf zurecht, lernt Fremdsprachen, vernetzt euch und macht Praktika. Und wenn euch das gewählte Fach nicht begeistert, dann seid mutig und wechselt es. Denn es wird nie mehr so einfach sein wie jetzt, einen anderen Weg einzuschlagen.

Aber vor allem möchte ich euch eins ans Herz legen: Probiert aus, auch wenn dies bedeutet, noch ein oder zwei Semester länger zu studieren, geniesst die Studentenzeit und jagt nicht nur den ETCS-Punkten hinterher. Denn in meinen Augen waren die Jahre an der Uni die fettesten meines Lebens – trotz knappem Budget, Lernstress und brabbelnden Professoren.

Liebe Leserin, lieber Leser: War die Studentenzeit die beste Zeit deines Lebens? Welchen Rat würdest du Erstsemestern mit auf den Weg geben? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

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