Lost in Barcelona

Wir warten. Und warten. Und warten. Ich schleiche mich noch einmal verstohlen zur Anzeigetafel, obwohl ich schon weiss, was da steht: Delayed. Unser Flug von Barcelona nach Genf hat mittlerweile über sechs Stunden Verspätung. Und der Start wird laufend nach hinten verschoben. In Frankreich streiken die Fluglotsen, das pure Chaos regiert den französischen Luftraum. Für uns heisst das: Wir haben keine Chance mehr, den letzten Zug von Genf nach Bern zu erwischen. Und werden einen ganzen Arbeitstag verpassen.

Eigentlich mag ich Flughäfen. Ich mag das Gewusel, das Sprachengewirr und die Anzeigetafeln, die Möglichkeiten verheissen: London, Bangkok, New York, Paris, Buenos Aires, wohin darf es gehen? Aber was macht man einen Tag lang in der Abflughalle von Barcelona el Prat? Essen oder shoppen, das ist hier die Frage! Wenn das Essen doch wenigstens gut wäre. Und nicht so schweineteuer!

Von einem Flugzeug, das nicht fliegt

Easy Jet hat uns als Entschädigung für den verlorenen Tag grosszügigerweise einen Gutschein von 18 Euro pro Person spendiert. Aus Langeweile schlagen wir uns die Bäuche voll: Früchte und Smoothies für das gute Gewissen, Chips, Schokolade und M&M’s gegen den Frust und zum krönenden Abschluss einen Double-Cheesburger. Mir ist schlecht. Und dann wird unser Flug nochmals um eine Stunde verschoben. ¡Ay caramba!

Eine Stunde vor Mitternacht warten wir noch immer in der Abflughalle von Barcelona el Prat, die Läden haben mittlerweile alle geschlossen. Und wir sind nicht mehr allein. Unterdessen gibt es zwei Easy-Jet-Flüge nach Genf, die mehrere Stunden Verspätung haben. Die Nerven liegen blank. Einige Frauen stehen schon Schlange, damit sie den Flug, vielleicht gibt es heute ja nur noch einen nach Genf, wer weiss das schon, auf keinen Fall verpassen. Die Ellbogen sind ausgefahren, die Zähne gefletscht, die Startlöcher bezogen. Die anderen Fluggäste sind nunmehr Feinde, die es auszustechen gilt. Wie schnell Menschen doch zu Tieren mutieren.

Eine paar Teenies hängen derweil wie Junkies an den Computern des Bodenpersonals – und verpassen ihren leeren Natels eine Dosis Strom. Ein pickliger Junge filmt das Chaos auf seinem Natel, ich sehe mich schon auf Youtube wieder. Und eine Angestellte des Bodenpersonals wohl auch. Sie droht mit der Polizei, Filmen sei strikt verboten. Woraufhin der Teenie in der Masse der Nateljunkies untertaucht. Und nach einer kurzen Ladepause weiterfilmt.

Wir fliegen – aber nicht nach Genf!

Und dann kommt endlich die lang ersehnte Durchsage. Nach neun Stunden Warten teilt uns Easy Jet mit, dass unser Flugzeug nicht nach Genf, sondern nach Lyon fliegen würde. In Lyon würde uns dann ein Bus nach Genf chauffieren – um drei Uhr nachts, versteht sich. Eine Männergruppe johlt und klatscht Beifall, die Teenies schauen geschockt von ihren Natels auf. Auch Twitter und Youtube helfen jetzt nicht mehr weiter, oh mein Gott!

Wir fügen uns dem Schicksal und steigen in den Flieger nach Lyon. Denn ob es am nächsten oder übernächsten Tag noch freie Plätze im Flugzeug nach Genf hat, weiss niemand. Es ist halb zwei Uhr nachts, als wir schliesslich abfliegen – mit genau zwölf Stunden Verspätung. A reveuere, Barcelona! Es war wunderschön. Obwohl ich mich wieder einmal gefragt habe, warum wir uns, sobald wir in die Rolle des Touristen geschlüpft sind, eigentlich so merkwürdig verhalten. Warum haken wir Sehenswürdigkeiten im Stundentakt ab, warum stehen wir über eine Stunde an, um ein Museum zu besichtigen, das uns nichts sagt, warum quetschen wir uns zusammen mit anderen schwitzenden Touristen in überfüllte Restaurants, nur um die „authentischsten“ Tapas zu probieren und am nächsten Tag beim Frühstück vor den anderen Touristen damit zu prahlen, und warum bitteschön laufen wir in der Badehose und mit aufblasbaren Quietschenten durch eine Millionenstadt? Wer würde sich das zu Hause erlauben? Doch es ist zu spät für grosse Fragen. Und Zeit für ein wenig Schlaf.

Wir haben das Leben in der Hand

Lyon schläft ebenfalls, als wir ankommen. Der Flughafen wirkt ausgestorben. Aber der grosse Bruder beobachtet uns von irgendwoher, soviel ist mir schon klar. Klar ist auch, dass wir dankend auf die kostenlose Busfahrt nach Genf verzichten – wir haben genug. Und checken kurzerhand im Budget Ibis am Flughafen ein.

Am nächsten Morgen werden wir von der Putzfrau geweckt – offenbar haben wir vergessen, die Türe abzuschliessen. Nach diesem Schreck gönnen wir uns ein Croissant und ein Pain au Chocolat. Und kaufen uns ein Bahnticket nach Bern. Alles läuft wie am Schnürchen, das Bahnpersonal streikt erst am nächsten Tag wieder. Und wir haben sogar noch Zeit für einen Stadtbummel und ein paar Macrons an der Sonne. Das Leben ist schön.

Um halb acht Uhr abends sind wir schliesslich zu Hause – mit mehr als einem Tag Verspätung und einer wichtigen Erkenntnis im Gepäck: Das Leben ist eine Diva. Manchmal rollt es uns den roten Teppich aus, manchmal zeigt es uns die kalte Schulter. Das können wir nicht ändern. Unsere Einstellung dazu aber schon. Denn was auch immer geschieht, wir entscheiden, ob und wie wir auf die Launen der Diva reagieren. Und wir können uns bewusst dazu entscheiden, das Gute zu sehen und das Beste aus jeder Situation zu machen. Wir haben das Leben in der Hand.

Liebe Leserin, lieber Leser, was war dein unangenehmstes Reiseerlebnis? Hinterlass mir gerne einen Kommentar.

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