Reisefrust statt Reiselust: der wahre Preis des Reisens

Das „Grüezi” aus dem dunkelrot geschminkten Mund der Flight-Attendant beendet die Ferien abrupt. Müde kämpfen wir uns durch den langen Rumpf der Swiss, vorbei an stoisch lächelnden Flugbegleiterinnen und aufgeregten Passagieren. Direkt vor dem Notausgang sitzt ein Ehepaar, die Hände eng ineinander verschlungen, die Füssen wild wippend, die rettende Tür in Reichweite. Das Flugzeug ist komplett besetzt, die meisten Fluggäste sind Schweizer, die wie wir aus dem Irlandurlaub heimkehren. Unser zehntägiger Trip durch Irland war toll, das Wetter ungestüm, die Landschaft von wilder Schönheit. Doch ein schales Gefühl bleibt. Was suchen wir so dringend in der Ferne, das uns immer wieder dazu bringt, uns in eine enge, stickige und ohrenbetäubend laute Röhre zu quetschen und mit fast 800 Kilometern pro Stunde durch die Luft zu schiessen?

Wo die Abfallberge glitzern

Die Menschen sind noch nie so viel gereist wie heute. Was früher ein Privileg der Wohlbetuchten war, ist heute zur Massenaktivität verkommen. Billigflieger katapultieren uns in wenigen Stunden an meilenweit entfernte Orte, wo wir uns mit anderen Touristen durch enge Städtchen zwängen, wie Ölsardinen an einem Strand liegen oder stundenlang Schlange stehen, nur um uns in einem Museum gegenseitig auf die Füsse zu treten. Und selbst abseits der ausgetretenen Pfade pilgern heute Scharen von Touristen – den sozialen Medien sei Dank.

Viele Orte leben seit Jahrzehnten vom Tourismus und sind davon abhängig. Doch der Tourismus wächst derzeit so ungebremst, dass einige Destinationen an den Folgen zu ersticken drohen. Der wahre Preis des Massentourismus ist horrend: Bei Sonnenaufgang glitzern in Dubrovniks Altstadt die Abfallberge, in Barcelona klagen die Einheimischen über unbezahlbare Mieten und verstopfte Strassen, auf Mallorca ist der Wohnraum so knapp, dass Kinder bis in die Dreissiger bei den Eltern wohnen, und auf Ibiza muss ein Durchschnittsverdiener bereits 40 % seines Einkommens für ein Dach über dem Kopf hinblättern. Kurzum: Die Touristen verdrängen die Einheimischen, lassen die Preise in die Höhe schnellen, überlasten die Infrastruktur, verschmutzen die Umwelt, sorgen für Lärm, Ärger und verstopfte Strassen.

Die Austauschbarkeit der Sehenswürdigkeiten

Doch der Tourismus hat nicht nur ökonomische und ökologische, sondern auch kulturelle Folgen. So werden die Orte, die Sehenswürdigkeiten, das Essen und sogar die Sprache zunehmend auswechselbar. Ob in Amsterdam, Bangkok oder Istanbul: Überall gibt es heute die gleichen Souvenirläden, überall wird die gleiche Massenware aus China verhökert, überall isst man Pizza und Pommes und bestellt wird natürlich auf Englisch. Wozu also noch in die Ferne schweifen?

Es ist verrückt: Wir suchen das Authentische, das Unberührte, doch mit jeder Reise zerstören wir ein Stückchen Natur, ein Stückchen Kultur, ein Stückchen Identität. Und auch wenn wir uns einreden, wir seien „bessere“ Touristen: Wenn wir reisen, dann hinterlassen wir alle unsere Fussabdrücke, manche grössere, manche kleinere.

Plastikhalme nein, Billigflieger ja

Das Merkwürdige an der ungebremsten Reiserei ist: Eigentlich ist meine Generation sehr umweltbewusst. Wir kämpfen eifrig gegen Plastikhalme und Plastikballone, wir kaufen Bioprodukte, die wir selbstverständlich in Jute- statt in Plastiksäcken nach Hause schleppen, wir betreiben Urban-Gardening in Verkehrsinseln, im Winter frieren wir lieber, als die Umwelt unnötig zu belasten, und selbst Frischhaltefolie waschen wir aus und verwenden sie mehrfach. Aber Flüge buchen wir ohne mit der Wimper zu zucken – und zwar mehrmals pro Jahr. Warum fällt es uns so schwer, uns beim Reisen einzuschränken?

Das Problem ist: Reisen ist cool – wer nicht reist, gehört nicht dazu. Been there, done that, so lautet das Motto, mit dem selbst ein grosser Schweizer Reiseveranstalter wirbt. Geht es also nur noch darum, Sehenswürdigkeiten abzuhaken, Selfies zu schiessen und auf den sozialen Medien zu posten?

Und noch etwas irritiert mich: Das Naheliegende interessiert uns wenig. Hand aufs Herz: Waren Sie schon einmal auf dem Jungfraujoch, auf dem Pilatus, im Jura oder am Bodensee? Also, warum nicht mal in der Nähe Urlaub machen? Wir müssen umdenken – und zwar jetzt.

Liebe Leserin, lieber Leser, wohin fahren Sie als Nächstes in die Ferien? Wie können wir reisen, ohne das zu zerstören, was wir suchen?

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