Selfies, Selbstdarstellung und Instagram: jenseits des schönen Scheins

Ein Blick auf Instagram und die unzähligen Selfies von Herr und Frau Müller genügt: Ja, Selfies sind salonfähig geworden. Da lassen Männer ihre kraftraumgestählten Muskeln spielen und Frauen klimpern mit falschen Wimpern oder lichten ihre solariumgeküssten Körper halbnackt vor dem Badezimmerspiegel ab. Kein Wunder hat der Oxford English Dictionary das Wort «selfie» zum englischen Wort des Jahres 2013 gekürt. Zum Wort also, das den Zeitgeist am besten widerspiegeln soll.

Schein oder digitales Nichtsein, das ist hier die Frage

Ich mag Selfies nicht. Und Instagram ödet mich an. Was bitteschön ist interessant an den ewig gleichen Bildern von grünen Smoothies, weissen Möbeln, Sukkulenten in niedlichen Töpfen und zurechtgefilterten Menschen? Mir fehlt die Originalität. Und die Authentizität. Instagram ist zu steril, zu perfekt. Da gibt es keine überquellenden Wäschekörbe, keine vergammelten Äpfel in der Obstschale, keine Pickel im Gesicht, keine Ehekrisen oder schreienden Kinder. Die Realität hat auf Instagram keinen Platz. Und mehr noch: Wer hier richtig Erfolg haben will, muss tief in die Trickkiste greifen. Ob Tricksen mit Photoshop, Facetune, Filter oder dem richtigen Winkel – alles ist erlaubt. Mit der Wirklichkeit haben die meisten Bilder auf Instagram folglich wenig zu tun. Nein, es sind streng zensierte und bestens frisierte Häppchen aus dem eigenen Leben, die Realität vorgaukeln.

Body-Positivity-Bewegung: Auch breite Hüften entzücken

Natürlich gibt es Gegentrends, etwa die Body-Positivity-Bewegung, im Zuge derer Frauen ihre Körper so präsentieren, wie sie eben sind. Und propagieren, dass jeder Körper schön ist, egal wie breit die Hüften ausfallen oder wie straff die Brüste sind. Denn Followern gefällt’s. Natürlich ist es begrüssenswert, dass Frauen zu ihren Körpern stehen und dem allgegenwärtigen Fitness- und Schönheitshype trotzen. Denn längst warnen Fachleute vor den Gefahren, die von Instagram ausgehen. Von den perfekten Körpern, die suggerieren, dass nur dünne, durchtrainierte und straffe Körper schön seien. Die zu Diäten und Fitnesswahn verleiten. Und Essstörungen Vorschub leisten. Doch trotz allem Lob bleibt ein schaler Geschmack im Mund zurück. Denn der Hype um die Body-Positivity-Bewegung führt uns allzu deutlich vor Augen, dass wir in einer Zeit leben, in der Frauen Aufsehen erregen, wenn sie öffentlich zu ihren Speckröllchen oder Dehnungsstreifen stehen. Ist das nicht bedenklich? Zeigt das nicht, welche verschrobenen Schönheitsideale sich in unseren Köpfen festgekrallt haben?

Anonymität verleitet zu Online-Shaming und Hasskommentaren

Trotz der Body-Positivity-Bewegung überwiegt nach wie vor der schöne Schein auf Instagram. Und der weckt Missgunst, aber auch Selbstzweifel. Da überraschen die Studien nicht, die vor sozialen Medien warnen. So zeigt beispielsweise eine deutsche Untersuchung, dass der Konsum von Facebook Neid auslösen und das Gefühl von Einsamkeit verstärken kann. Ähnliches dürfte auch für Instagram gelten. Das Perfide daran: Natürlich wacht niemand mit Föhn frisierten Haaren auf, ernährt sich ausschliesslich von farbenfrohen Smoothie-Bowls und ist rund um die Uhr glücklich. Wer das glaubt, wird zum Opfer der digitalen Selbstinszenierung und verwechselt die Online-Scheinwelt mit der Realität. Bedenklich ist weiter, dass die Anonymität der sozialen Medien offenbar nicht wenige Menschen dazu verleitet, andere zu erniedrigen, etwa indem sie sie als dick, hässlich oder dumm brandmarken. Online-Shaming und Hasskommentare sind längst im Wohnzimmer von Herr und Frau Müller angekommen.

Selfies, Narzissmus und Donald Trump

Studien belegen zudem: Wer überdurchschnittlich viele Selfies postet, ist eher narzisstisch veranlagt. Ausserdem schiessen und veröffentlichen narzisstische Menschen nicht nur mehr Selfies als Ottonormalverbraucher. Nein, Narzissten sind regelrecht süchtig nach Vergleich, Bestätigung und positivem Feedback. Soziale Medien wie Instagram oder Facebook bieten Narzissten dazu das ideale Tummelbecken. Klar, Narzissten gab es schon immer. Doch die Frage bleibt: Wird die Menschheit narzisstischer, ist der Narzissmus gar gesellschaftsfähig geworden? Welche Rolle spielen da die sozialen Medien und die Selfie-Kultur? Fördern sie unsere Selbstverliebtheit? Ist es denn ein Zufall, dass ein menschen- und frauenverachtender Narzisst vor wenigen Wochen das Amt des 45. Präsident der Vereinigten Staaten angetreten hat? Seien wir ehrlich: Donald J. Trump passt doch wunderbar ins Selfie-Zeitalter. Keine schöne neue, sondern eine gefährliche Welt ist das, in der wir leben.

Was denkst du über die Selbstdarstellung auf Instagram und unsere Selfie-Kultur? Fördern die sozialen Medien den Narzissmus? Hinterlass mir deine Gedanken als Kommentar.

Kommentar verfassen