Selbstfindung oder Selbsterfindung, das ist hier die Frage!

Ich entsorgte gerade Papier, Glas und Dosen und nervte mich über die Katzenfutter-, Olivenöl und Rotweinreste, die sich am Boden meiner Tasche zu einem ekligen Etwas vereint hatten, als mir der Satz an der gegenüberliegenden Mauer ins Auge sprang. Da hatte jemand in leuchtend blauen Buchstaben drei simple Wörter hingeschmiert: «Was wosch sy?»

Die drei leuchtend blauen Wörter sahen mich herausfordernd an. Sie kitzelten mich, sie neckten mich und sie liessen mich nicht mehr los. Sie begleiteten mich auf dem Nachhauseweg, beim Abendessenkochen und beim Einschlafen. Denn was, wenn die entscheidende Frage nicht lautet, wer wir sind, sondern wer wir sein wollen? Oder anders ausgedrückt: Ist die Selbsterfindung die neue Selbstfindung?

Wir sind viele – aber wer sind wir wirklich?

Zuerst hatte ich an den besagten drei Wörtern schwer zu kauen. Denn sie schmecken im Abgang stark nach einem Zeitalter, in dem Individualität grossgeschrieben wird, sich Menschen aber gleichzeitig massenweise unters Messer legen, um sich möglichst ähnlich zu sein. Sie schmecken nach Botox und Silikon, nach Photoshop und Instagramfiltern, nach Oberflächlichkeit und Selbstoptimierungswahn.

Ja, Sie merken es: Mich nervt die Be-the-best-version-of-yourself-Welle, auf der wir momentan reiten. Warum? Weil sie die Vielfalt, das Menschliche, das Ureigene im Keim erstickt. Weil wir auf dem Selbstoptimierungstrip medial geprägten Bilder nacheifern, und zwar in der irrigen Annahme, uns etwas Gutes zu tun. Und weil wir uns dabei letztlich doch bloss an die gesellschaftliche Norm anpassen, frei nach dem Motto: Sei, wer du sein sollst!

Doch ganz ehrlich: Bringt uns der Selbstfindungstrip weiter als der Selbstoptimierungshype? Gehen wir den Weg der Selbstfindung mal probeweise und fragen uns, wer wir sind. Der Weg ist steinig und schwer – und die Antworten verwirren. Beginnen wir bei unseren alltäglichen Rollen: Wir sind vielleicht gleichzeitig Vater und Sohn, Studentin und Verkäuferin, Schweizer und Türke, Mutter und Liebhaberin, Anwalt und Heavy-Metal-Rocker, Harry-Potter-Fan und Literaturwissenschaftler. Wir alle sind viele und wir wechseln unsere Farbe je nach Situation wie ein Chamäleon. Aber wer sind wir tatsächlich? Und gibt es überhaupt eine klare Antwort auf diese Frage?

Identitätssuche oder die Qual der Wahl

Werfen wir einen Blick zurück: Früher war nicht alles besser, aber unser Leben war deutlicher vorgezeichnet, unsere Identität stabiler. Wir wurden in der Regel an demselben Ort geboren, an dem wir starben. Die soziale Position unserer Eltern bestimmte weitgehend unsere eigene, wir arbeiten 40 Jahre für denselben Arbeitgeber und heirateten über den Miststock hinweg, wie mein Geschichtsprofessor zu sagen pflegte.

Heute hingegen haben wir endlose Möglichkeiten, die Welt ist zum Dorf geschrumpft, unsere Identität wandelbar. Wir können nach Australien auswandern und eine Strandbar eröffnen, wir können uns in einem indischen Ashram zur Yogalehrerin weiterbilden, wir können in ein fremdes Land auswandern und eine andere Staatsbürgerschaft ergreifen, wir können unser Aussehen chirurgisch verändern und sogar unser Geschlecht wechseln, wir können uns in einen Cyborg verwandeln, wir können mit 40 eine Lehre beginnen, Mutter werden oder uns für immer gegen Kinder entscheiden. Die Möglichkeiten sind endlos. Heute können wir sein, was wir sein wollen, oder etwa nicht?

Some things will never change!

Und jetzt verdirbt uns das kleine Wörtchen «aber» wieder einmal den Spass. Erstens sind da die gesellschaftlichen Zwänge: Sind wir tatsächlich, wer wir sein wollen, oder sind wir nicht vielmehr, wer wir sein sollen? Können wir überhaupt unterscheiden, was wir wollen, und was die Gesellschaft uns vorgibt zu wollen? Zweitens sind da die materiellen Einschränkungen: Nicht alle können sich teure Ausbildungen, Reisen oder Operationen leisten. Und drittens ist da unsere Persönlichkeit: Kann ich mich von einer introvertierten zu einer extravertierten, von einer ängstlichen zu einer draufgängerischen oder von einer chaotischen zu einer ordnungsliebenden Person wandeln?

Nein, unsere Persönlichkeit können wir schwerlich abstreifen. Sie gehört zu uns dazu wie unsere Augenfarbe, obwohl wir die inzwischen auch nach Belieben modifizieren können. Aber lassen wir das. Ich denke, es ist für unser eigenes Glück unabdingbar, uns selbst kennenzulernen und uns mit all unseren Stärken und Schwächen anzunehmen. Und dafür wiederum ist es notwendig, uns auf die Reise zu uns selbst zu begeben. Aber die drei leuchtend blauen Wörter haben mich zum Nachdenken gebracht. Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, unser Leben ab und zu mit einer Prise Selbsterfindung zu würzen, oder?

Liebe Leserin, lieber Leser: Ist die Selbsterfindung die neue Selbstfindung? Ich bin gespannt auf Ihren Kommentar.

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