Selbstoptimierung? Nein danke! Warum Perfektion langweilig ist

Neulich sass ich an der Aare, las ein Buch und schleckte ein Eis. Ich genoss die unbeschreibliche Leichtigkeit des ersten Sommertages – er schmeckte nach Brombeere und gesalzenem Karamell – und lauschte unfreiwillig zwei jungen Müttern, die sich über Windeln, Wäscheberge und Weiterbildungen unterhielten. Die eine wiegte einen weinenden Jungen im Arm, während die andere erfolglos versuchte, ihre zwei Mädchen im Zaum zu halten.

Die zweite Frau hatte gerade die von Schokoladeeis bekleckerten Gesichter der beiden Mädchen gesäubert, als sie tief seufzte und meinte: «Manchmal ist mir alles zu viel. Das Mamisein, der Haushalt, die Arbeit. Und ständig muss man sich weiterbilden, muss diese und jene Kurse und Events besuchen. Und Sport sollte ich auch mal wieder treiben. Doch dafür habe ich schlicht keine Zeit!»

Die Frau mit dem weinenden Jungen im Arm hob die gezupfte Augenbraue und erwiderte spitz: «Du musst dir halt bewusst Zeit für den Sport nehmen. So mache ich es. Obwohl ich zugeben muss, dass ich mein Vor-Schwangerschafts-Gewicht noch nicht ganz erreicht habe.» Und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: «Das Leben ist halt kein Zuckerschlecken. Wenn du nicht ständig dranbleibst, bist du im Nullkommanichts weg vom Fenster. Das willst du noch nicht, oder?»

Der Selbstoptimierungswahn hat alle Lebensbereiche fest im Griff

Die Mädchenmamma tat mir leid. Und ich ärgerte mich über den unsensiblen Kommentar der Bubenmamma. Beide hatten – nur so nebenbei gesagt – einen wunderschönen Körper.

Doch man beziehungsweise frau kann offenbar nie perfekt genug sein. Zweifellos liegt der Selbstoptimierungswahn im Trend. Und hat mittlerweile alle Lebensbereiche infiltriert – die Arbeit, die Freizeit, den Körper, die Kleidung, die Ernährung, die Kindererziehung, um nur einige zu nennen.

Selbstoptimierung optimiert uns nicht – im Gegenteil

Doch ich bezweifle, dass uns das Streben nach Perfektion in irgendeiner Weise optimiert, geschweige denn, dass wir dadurch zu glücklicheren Menschen werden. Versklaven wir uns nicht vielmehr selbst, indem wir uns in allen Lebensbereichen dem Leistungsdenken unterwerfen?

Denn der Selbstoptimierungswahn endet in einer Sackgasse. Führen wir uns doch einmal vor Augen, was Selbstoptimierung impliziert. Selbstoptimierung heisst nämlich, unermüdlich nach Perfektion zu streben. Und die Perfektion nie zu erreichen. Weil Perfektion zu perfekt ist, um wahr zu sein. Selbstoptimierung bedeutet, stets nervös nach den anderen zu schielen, sich zu vergleichen, zu bewerten, zu vermessen. Und nie zu genügen. Zu guter Letzt impliziert Selbstoptimierung auch, nicht mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Irgendetwas kann ja schliesslich immer optimiert werden, stimmt’s? Die Beautyindustrie und die Anbieter von Kursen und Weiterbildungen freut’s. So viel steht fest.

Warum Perfektion langweilig ist

Doch warum eigentlich? Warum müssen wir unsere grauen Haare färben, unsere Speckröllchen verstecken und unsere ungeraden Lebensläufe begradigen? Warum müssen wir Diplome und wichtig klingende Titel sammeln wie Cumulus-Punkte in der Migros?

Mich langweilt die Perfektion. Denn sie hat etwas Steriles, Genormtes. Interessant finde ich nicht die Menschen mit dem lückenlosen Lebenslauf, den unzähligen Diplomen, dem prestigeträchtigen Job und dem geglätteten Gesicht.

Mich faszinieren vielmehr Menschen, deren Falten tausend Geschichten erzählen. Menschen, deren Augen funkeln, weil sie wissen, was sie antreibt. Menschen, die ihre Leidenschaften leben. Menschen, die ihren Weg gehen. Menschen, die sich nicht darum scheren, was andere von ihnen halten. Echte Menschen mit Ecken und Kanten.

Dem Leistungsdenken ein Schnippchen schlagen

Schlagen wir dem Leistungsdenken doch einfach mal ein Schnippchen oder zwei: Lassen wir die ungemachte Wäsche in der Küche stehen, auch wenn wir Besuch erwarten. Gehen wir mit fettigen und Haaren und dem T-Shirt von vorgestern aus dem Haus. Pfeifen wir auf die dritte Weiterbildung, wenn sie unser Herz nicht höher schlagen lässt. Lassen wir den nächsten Karriere-Event links liegen. Streicheln wir dafür unsere Speckröllchen und Dehnungsstreifen liebevoll. Akzeptieren wir uns so, wie wir sind. Und erfüllen wir uns unsere kleinen und grossen Träume, auch wenn sie unseren perfekt orchestrierten Lebenslauf durcheinanderwirbeln. Denn das macht uns zu interessanten und glücklichen Menschen.

Das befreiende Gefühl von Brombeereisflecken

Doch zurück zum ersten Sommertag an der Aare. An jenem Tag bekleckerte ich mein – wie könnte es anders sein – weisses T-Shirt mit Brombeereis. Zuerst nervte ich mich eine gefühlte Minute lang entsetzlich über die hässlichen Flecken. Doch dann fragte ich mich, warum ich immer versuche, perfekt zu sein. Und beschloss, den Flecken keine Aufmerksamkeit zu schenken. Betont langsam schlenderte ich nach Hause. Und genoss das unglaublich befreiende Gefühl der Imperfektion.

Liebe Leute, Hand aufs Herz: Ist Perfektion nicht langweilig? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar.

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