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Sport und ich – die Geschichte einer Hassliebe

Heute schnüre ich meine Joggingschuhe zwei- bis dreimal pro Woche. Und auch meine Yogamatte rolle ich regelmässig aus. Doch das war nicht immer so. Denn lange lebte ich getreu dem Motto «Sport ist Mord». Aber gehen wir schön der Reihe nach.

Alles begann vor mehr als zwanzig Jahren in einem nicht ganz so malerischen Berner Dorf. Ich gebe es zu: Im Sportunterricht war ich eine richtige Niete. Niemand wollte mich in seinem Team haben, wenn wir Völkerball (wer hat sich bloss diese rassistische Sportart ausgedacht?) oder Unihockey spielten.

Schlimm waren für mich besonders jene Tage, an denen wir unsere Teams selbst zusammenstellen durften. Denn dann litt mein seelisches Wohlbefinden und mein Selbstvertrauen schmolz wie Butter in der Sonne. Warum? Weil ich stets unter den Letzten war, die gewählt wurden.

Einsam und verlassen stand ich dann nämlich in der gelichteten Reihe, starrte auf den Boden und wünschte mir, jemand anderes zu sein. Eine beliebte und umjubelte Superheldin mit ellenlangen athletischen Beinen und muskulösen Armen etwa. Denn ich genügte offenbar nicht. Das war die simple Lehre, die ich daraus zog.

Wenn der Sporttag zum Sportboykott animiert

Liebe Lehrerinnen und Lehrer, bitte klärt mich auf: Was für ein absurdes pädagogisches Konzept steckt bitteschön hinter dieser Methode? In meinem Fall brachte sie nämlich gar nichts: Weder stärkte sie mein Selbstvertrauen noch verwandelte sie mich in eine Sportskanone. Ganz im Gegenteil.

Der Höhepunkt der Blamage war aber der Sporttag, an dem ich regelmässig das Schlusslicht bildete. Ehrlich, ich schämte mich in Grund und Boden, wenn ich die an der Eingangstüre des Schulhauses angeheftete Rangliste sah. Schwarz auf weiss standen da Zeiten und Punkte, die meine Unsportlichkeit belegten. Und die der Garant dafür waren, dass ich wieder gehänselt werden würde.

Zu Hause heulte ich mein Elend in mein Kissen. Gleichzeitig regte sich meine rebellische Seele. «Mathelehrer veröffentlichen doch auch nicht die Ergebnisse der Klausuren und stellen diejenigen an den Pranger, die nicht mit einem analytisch-mathematischen Geist gesegnet sind», wisperte sie mir zu. Okay, ich gebe es zu, wahrscheinlich hat es sich eher so zugetragen: Mein 13-jähriges Ich murmelte mit tränenerstickter Stimme: «Dene huere Idiote wird i’s zeige!»

Ich schwänzte also fortan den Sportunterricht und provozierte meine Lehrer mit immer abstruseren Ausreden. Heute weiss ich: Letztlich schadete ich damit einzig mir selbst. Denn ich schwänzte nicht nur den Sportunterricht, sondern begann auch, jegliche sportlichen Aktivitäten zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Laufen oder die erstaunlich erträgliche Leichtigkeit des Seins

Mein festgezurrtes Weltbild geriet erst ins Wanken, als ich meinen Lebenspartner kennenlernte. Basketball, Unihockey, Joggen, Segeln und Snowboarden waren für ihn keine Fremdwörter, sondern alltäglicher Bestandteil seines Lebens. Sport blieb für mich zwar fast gleichbedeutend mit Mord, doch vielleicht war ja doch etwas dran?

Dauerhaft änderte sich mein Verhältnis zum Sport jedoch erst, als ich in einer Lebenskrise steckte. Meine Welt war aus den Fugen geraten, meine Überzeugungen bröckelten. Und ich war bereit, Neues in mein Leben zu lassen. Sogar Sport zog ich plötzlich in Betracht. Da ich keine Lust hatte, in einen muffigen Fitnessraum zusammen mit schwitzenden und schnaubenden Menschen auf einem Laufband vor mich hinzutraben und an dabei an eine graue Wand zu starren, entschied ich mich fürs Laufen im Wald.

Ich leugne es nicht: Es brauchte einiges an Überwindung. Doch als ich mich eines schönen Morgens schliesslich dazu aufraffen konnte, joggen zu gehen, war ich erstaunt, wie gut es tat. Mit jedem Schritt, den ich nahm, fühlte ich mich leichter und freier. Ich lief nach meinem eigenen Tempo, die Leistung zählte nicht, mein hochroter Kopf kümmerte niemanden. Es gab keine Punkte, da war keine Lehrperson, die meine Zeit mass und mich benotete. Und da waren auch keine Klassenkameraden, die mich auslachten. Ich, DER Sportmuffel, hatte ausgerechnet das Laufen entdeckt. Eine Sportart, die ich bis dahin nur mit schmerzenden Lungen und endloser Qual in Verbindung gebracht hatte.

Bewegung macht glücklich: Warum Sport nicht Mord ist

Ich frage euch, liebe Bildungsverantwortliche, warum ist unser Schulsystem so stark auf Leistung und Noten ausgelegt? Warum werden wir ständig mit unseren Mitschülern verglichen? Der Vergleich mit den Anderen tut uns nämlich nicht gut. Im Gegenteil: Er schadet uns. Oder wie es der dänische Philosoph und Schriftsteller Søren Kirkegaard poetischer formulierte: «Der Vergleich ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.»

Denn es gibt stets jemanden, der besser rechnen, schöner zeichnen, flüssiger schreiben oder schneller laufen kann. Hören wir also auf, uns ständig zu vergleichen. Hören wir auf, Superheldinnen und Superhelden sein zu wollen. Es genügt völlig, wenn wir wir selbst sind. Und uns so annehmen, wie wir sind. Mit all unseren Stärken und Schwächen.

Auf den Sport bezogen heisst das: Es ist egal, wie lange, wie weit oder wie schnell du gehst, läufst, schwimmst, kletterst oder radelst. Was zählt ist, dass du dich bewegst, dass du aktiv bist. Und es braucht nicht viel. Schon ein Spaziergang an der frischen Luft bewirkt Wunder.

Studien zeigen zudem, dass (Ausdauer-)Sport wie ein natürliches Antidepressivum wirkt, die Stimmung aufhellen und sogar Depressionen vorbeugen kann. Sport ist also nicht Mord – das Gegenteil ist der Fall.

Aber zurück zu mir. Heute weiss ich: Sport macht mich glücklicher, zufriedener und ausgeglichener. Also los, liebe Leute: Schnürt eure Sportschuhe und nichts wie raus an die frische Luft!

Liebe Leserin, lieber Leser: Wie hast du den Sportunterricht in der Schule erlebt? Hat er dich dazu angespornt, regelmässig Sport zu treiben? Oder hast du ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht? Ich freue mich über deinen Kommentar!

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