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Spieglein, Spieglein an der Wand, für wen macht sich frau eigentlich schön?

Neulich in der Mensa: Drei Studentinnen unterhielten sich angeregt über das Wochenende, den Ausgang und die bevorstehenden Prüfungen. Da meinte die eine, während sie ein Salatblatt aufspiesste: «Ich gehe jetzt wieder dreimal pro Woche laufen. In meinem Bikini sehe ich momentan aus wie ein Wackelpudding auf zwei Beinen.» Die zweite Frau grinste, nagte an ihrer Gurke und erwiderte: «Ich probiere es dieses Jahr mit Low-Carb und Hot Yoga. Ich sage dir, es ist krass, wie schnell du da abnimmst. Musst du unbedingt mal probieren.» Die dritte Frau schaute betreten zu Boden, zog ihr schlabbriges T-Shirt über den Hosenbund und biss verlegen in ihr halb aufgegessenes Schinkensandwich. Was sie sich wohl dachte?

Dieses Gespräch zeigt untrüglich, dass der Frühling vor der Tür steht. Denn spätestens mit den ersten Blumen, die ihre Köpfchen aus der Erde strecken, den steigenden Temperaturen und den (noch) zaghaften Sonnenstrahlen beginnt für viele Frauen wieder der alljährliche Wettstreit um die perfekte Bikinifigur. Den imaginären Pölsterchen an der Hüfte, der Cellulite an den Oberschenkeln und den Speckröllchen am Bauch, die sich im Winter noch wohlig unter einem Schlabberpulli verstecken liessen, wird der Krieg erklärt.

Und nicht nur das. Frau investiert jetzt doppelt so viel Zeit in ihr Äusseres. Klar, auch im Winter gehen wir nicht ohne Mascara und Eyeliner aus dem Haus. Doch spätestens im Frühling probieren wir uns durch zig Selbstbräuner und Epilierer, gehen zur Fussmaniküre und testen die neusten Diät- und Fitnesstrends aus. Frau will schliesslich eine gute Figur machen auf den Fotos vom Sommerurlaub. Und beim Bikinikauf keinen Nervenzusammenbruch erleiden.

Im Namen der Schönheit tun wir viel – doch für wen eigentlich?

Doch ich frage euch, liebe Frauen: Für wen werfen wir uns eigentlich so ins Zeug? Wollen wir den Männern gefallen? Oder geht es uns tatsächlich primär darum, uns in der eigenen Haut wohler zu fühlen, wie wir immer behaupten?

Ein Freund brachte kürzlich eine interessante These auf. Er meinte, frau würde sich weder für sich selbst noch für andere Männer aufbrezeln und auf dem Laufband abrackern, sondern letztlich für die anderen Frauen. Denn, so führte er weiter aus, die Frauen stünden untereinander in einem ständigen Konkurrenzkampf.

Ja, die These hat was. In der Literatur ist der Neid unter Frauen beispielsweise ein wiederkehrendes Motiv. Erinnern wir uns an Schneewittchens Stiefmutter, die Schneewittchen umbringen lassen wollte, weil Schneewittchen die Schönste im ganzen Land war und nicht sie selbst. Benutzen wir Kleider, Lippenstift und Mascara also als Waffen, um besser auszusehen als andere Frauen?

Hand aufs Herz: Ich schminke mich, seit ich sechzehn bin – und zwar täglich. Sogar an einem Sonntag, wenn ich das Haus nicht verlasse. Ja, warum tue ich das? Ich war immer der Meinung, ich würde es für mich tun. Damit ich mich besser fühle. Doch ganz ehrlich: Am besten fühle ich mich in den Ferien. Wenn das bisschen Mascara, das ich am Morgen aufgelegt habe, vom Baden im Meer weggewischt ist. Wenn ich Sand zwischen den Zehen und Salz auf der Haut habe. Wenn meine Haare vom Winde verweht und klebrig sind. Wenn mein T-Shirt mit Erdbeereis bekleckert ist. Wenn ich mich nicht darum kümmere, wie ich aussehe. Dann fühle ich mich frei und glücklich.

Soziale Werte und Normen bestimmen das Schönheitsideal

Doch warum kann ich diese Erkenntnis nicht in meinen Alltag übertragen? Liegt es an den Werten unserer Gesellschaft, die besagen, dass eine Frau gut auszusehen hat? Klar, auch Männer unterliegen immer mehr den engen Idealvorstellungen von Schönheit. Aber bei einem Mann gehen graue Haare und Falten als sexy durch, bei einer Frau symbolisieren sie schlicht Alter und Verlust an Attraktivität.

Doch mit der Schönheit ist es so eine Sache. Gewiss, es ist ein alter Schuh, doch es kann nicht oft genug wiederholt werden. Was als schön gilt, hängt von den sozialen Werten und Normen einer Gesellschaft ab. Da sich die sozialen Werte und Normen ändern, wandeln sich auch die Schönheitsideale im Laufe der Zeit. Schon ein Blick auf die westlichen Filmstars der letzten fünfzig Jahre genügt, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Marilyn Monroe und  Keira Knightley könnten beispielsweise unterschiedlicher nicht aussehen. Kurvig die eine, knabenhaft die andere. Doch beide repräsentieren die Schönheitsideale ihrer Zeit, beide gelten als schön.

Schönheit – wir wollen, was wir nicht haben

Oder nehmen wir die Hautfarbe: In allen westlichen Kulturen gilt heute ein gebräunter Teint als schön. Er steht für einen aktiven Lebensstil, für Gesundheit, Sportlichkeit und Erfolg. Doch das war nicht immer so. Lange Zeit fungierte in Europa helle Haut als Nonplusultra. Denn die vornehme Blässe war den Adligen vorbehalten, da diese sich – im Gegensatz zu den Bauern – nicht bei jedem Wetter auf dem Feld abrackern mussten. Schneewittchens schneeweisse Haut war somit ein Luxus, den sich nicht jede(r) leisten konnte.

Und so wie sich die kulturellen Werte und Normen von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden, variieren auch die Schönheitsideale. In vielen asiatischen Ländern gilt blasse Haut beispielsweise als schön. Dementsprechend sind Crèmes en vogue, die versprechen, die Haut aufzuhellen. Und Sonnenschirme, die verhindern sollen, dass die Haut Farbe annimmt. Offenbar will der Mensch immer das, was er nicht hat.

Doch zurück zu den drei Studentinnen in der Mensa. Ich möchte ihnen Folgendes sagen: Ja, es ist wichtig, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben. Nämlich damit wir uns in unserer Haut wohl fühlen, damit es uns physisch und psychisch gut geht. Aber nicht damit wir einem bestimmten Ideal entsprechen, das morgen vielleicht schon nicht mehr gilt. Apropos Ideal: Ich habe mir unterdessen fest vorgenommen, mich nicht mehr jeden Tag zu schminken.

Hand aufs Herz: Für wen machst du dich schön? Diskutiere mit und hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

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