Geisteswissenschaftler
Gesellschaft

Unterwegs im Uni-Dschungel: von Zahnbürsten, Zebras und Geisteswissenschaftlern

Meine Expedition durch den Uni-Dschungel beginnt an der privaten Hochschule für Wirtschaft – nein, genau genommen beginnt sie an der Bushaltestelle. Und mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Denn bereits der Bus rührt kräftig die Werbetrommel für die PHW. «Überhol deinen Chef rechts», steht da in grossen Lettern auf seinen Flanken. Was diese Werbekeule wohl kosten mag? Klar ist: Die PHW lässt sich nicht lumpen. Und die Studierenden wollen hoch hinaus – sie greifen für einen Bachelor of Science in Business Administration FH schliesslich tief in die Tasche – fast 38’000 Franken kosten hier acht Semester Studium. Ob sie wohl auch für ein Lektorat ihrer Bachelorarbeit zahlen würden? Ich werde es herausfinden.

Mit einem Stapel Flyer in der Hand betrete ich eine Viertelstunde später das scheinbar menschenleere Gebäude – wo nur all die Studierenden und Dozierenden an diesem Montagmittag geblieben sind? Ich komme mir vor wie in einem Gruselfilm. Schnell hänge ich ein paar Flyer auf und entdecke ein menschliches Wesen, eine Sekretärin, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen mustert. Ob sie meine Flyer gleich alle genüsslich schreddern wird?

Dentalhygieniker: Wo einem die Zahnbürste den Weg weist

Weiter geht’s. Und zwar zu den Dentalhygienikern. Hier weist mir eine überdimensionierte Zahnbürste den Weg. Meine Turnschuhe quietschen auf dem frisch gewienerten Linoleumboden, es riecht nach Desinfektionsmitteln, Zahnpasta und Mundwasser. Und da entdecke ich doch tatsächlich eine Dentalhygieneklinik im Schulgebäude. Hier wird Praxis also grossgeschrieben! Apropos Dentalhygiene, schuldbewusst überlege ich mir, wann ich das letzte Mal meine Zahnseide benutzt habe. Die Zahnseide, die mir meine Zahnärztin ans Herz beziehungsweise an den Zahn gelegt hat. Und die jetzt in meinem Badezimmerschrank ihr vernachlässigtes Dasein fristet. Ich hänge meinen Flyer auf und verlasse das Gebäude auf dem schnellsten Weg. Uff, ich bin der Dentalhygiene noch einmal entwischt.

Juristen und Psychologen: Regeln, jawohl!

Auf geht’s, mit der fahrenden Werbekeule zurück in die Stadt und zu Fuss rauf zur Uni. Bei den Juristen – da lässt sich sicher was holen, denke ich mir. Aber nein, ich lande schnell auf dem Boden der rechtlichen Tatsachen. Private Aushänge sind hier nämlich nicht erwünscht. Jarabe de Palo säuseln in mein Ohr: «Pasiòn y ley, difìcil mezcla», – wie Recht sie doch haben!

Dafür gibt es bei den Pflegern, Hebammen, Psychologen und Lehrern auf jedem Stock gleich mehrere Anschlagbretter. Hier darf man genau 30 Tage aushängen. Und keinen Tag länger. Jawohl, Regeln müssen eingehalten werden. Sonst läuft alles aus dem Ruder – nicht nur im Klassenzimmer und in den Therapiestunden.

Geisteswissenschaftler: bunte Reissnägel und Zebras

Meine letzte Station sind die Geisteswissenschaften – ich atme vertraute Luft. Wie viele Jahre meines Lebens habe ich hier verbracht? Auf dem Anschlagbrett herrscht ein heilloses Durcheinander – wo bitteschön soll ich hier meinen Flyer hinhängen? Kümmert sich denn niemand um Recht und Ordnung? Und dann entdeckte ich eine Tüte mit bunten Reissnägeln, die eine gute Seele in diesem Chaos hinterlassen hat. Und mir wird es warm ums Herz. Wir Geisteswissenschaftler haben also doch unseren Wert!

Warum ich das schreibe? Geht es nach der SVP, dann werden wir Geisteswissenschaftler in den nächsten Jahren nämlich halbiert – es mangle dem Land an Ingenieuren, Informatikern, Ärzten und Naturwissenschaftlern, so lautet der Tenor. Es gäbe zu viele «Selbstverwirklichungsfächer». Und Idealisten, die sich jahrelang sinnloses Wissen aneignen und später ohnehin keinen Job finden würden. Obwohl, schauen wir uns die Statistiken an, fünf Jahre nach Uni-Abschluss weniger als 3 % der Geisteswissenschaftler keinen Job haben. Die Lösung für das drängende Problem? Der Numerus Clausus für Sozialanthropologen, Romanisten und Historiker, klar doch!

Die Welt braucht Zebras!

Aber liebe SVP, glaubt ihr wirklich, dass aus einem Philosophen jemals ein leidenschaftlicher Verfechter der Zahnseide wird, aus einem Theaterwissenschaftler ein Ingenieur oder aus einem Sozialanthropologen ein Chirurg? Ich bin Sozialanthropologin. Und Germanistin. Ich habe meine Studienwahl lange verdammt. Denn so einfach ist es für uns tatsächlich nicht auf dem Arbeitsmarkt. Machen wir uns nichts vor. Aber auch wir finden unseren Weg. Denn eins haben wir gelernt: Uns im Dschungel zurechtzufinden. Über unseren akademischen Tellerrand hinauszuschauen. Und flexibel zu sein.

Und heute weiss ich, dass ich nichts anderes studieren würde. Nüchterne Argumente hin oder her. Denn ich sehe mit Vorliebe Zebras, keine Pferde. Ausserdem habe ich zwei linke Hände. Ich wäre also eine lausige Ärztin. Und eine katastrophale Ingenieurin. Aber: Die Gesellschaft braucht uns Geisteswissenschaftler. Genauso wie die Mediziner, Ökonomen, Lehrer, Anwälte oder Dentalhygieniker. Denn wer würde sonst Theaterstücke schreiben, die Vergangenheit aufarbeiten, Fremdsprachen unterrichten oder Texte lektorieren? Und was bitteschön wäre diese Welt ohne Zebras?

Liebe Leserin, lieber Leser, braucht unsere Gesellschaft keine Geisteswissenschaftler? Hinterlass mir gerne einen Kommentar.

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