Powerfrauen
Gesellschaft

Von „Powerfrauen“ und anderen Unwörtern

Es ist Freitagabend. Ich stehe mit meinem vollgepackten Einkaufswagen an der Kasse und gähne verstohlen hinter vorgehaltener Hand. Eine strenge Woche liegt hinter mir. Die Schlange vor mir ist lang. Eine ohrenbetäubende Durchsage hält mich davon ab, im Stehen einzuschlafen. Offenbar sind Bananen und Clementinen im Sonderangebot, wie aufregend das Erwachsenenleben doch ist. Die Schlange bewegt sich im Zeitlupentempo vorwärts, das Wochenende ist noch mindestens eine Kassenlänge entfernt. Die ältere Frau vor mir unterliegt auf dem Weg der Versuchung und lässt ein paar der strategisch klug vor der Kasse platzierten Lebkuchen in ihren Korb wandern. Und dann sagt sie mit lauter Stimme zu ihrem Mann, vielleicht ist er schon etwas schwerhörig: „Die Andrea ist eine richtig starke Frau, findest du nicht auch Fritz?“ Fritz nickt unbeteiligt. Mich jedoch lässt dieser Satz nicht kalt. Nein, er sitzt wie ein gut platzierter Hieb, der einem für einen Moment den Atem raubt.

„Starke Frauen“, „Powerfrauen“ und andere sprachliche No-Gos

Liebe Leute, ich bitte euch, hört auf von „starken Frauen“ zu sprechen. Ebenso nerven mich inflationär gebrauchte Unwörter wie „Powerfrauen“, „Frauenpower“ oder „Karrierefrauen“. Ob ich etwas gegen emanzipierte Frauen und den Feminismus habe? Oder gar eine Frauen-zurück-an-den-Herd-Mentalität vertrete, die unter jungen Leuten offenbar wieder im Kommen ist? Nein, ich kann euch beruhigen. Das Gegenteil ist der Fall.

Gleichberechtigung ist ein Thema, das mich brennend interessiert – und zwar nicht erst seitdem es im H&M T-Shirts mit der Aufschrift „Feminist“ zu kaufen gibt. So habe ich mich an der Uni begeistert mit der Geschichte der Frauenrechtsbewegung, Genderungleichheiten in verschiedenen Gesellschaften und der gendergerechten Sprache auseinandergesetzt. Ob das daran liegt, dass ich in dem Land lebe, das die letzte Hexe Europas öffentlich hinrichtete? Und das sich ebenso auf die Fahne schreiben darf, seinen Frauen als eines der letzten europäischen Ländern das Stimm- und Wahlrecht zugestanden zu haben?

Gleichberechtigung besteht nur auf dem Papier

Wie auch immer: Im Jahr 2017 spielt es nach wie vor eine Rolle, ob wir als Frau oder als Mann geboren werden. Das gilt natürlich nicht für alle Länder gleichermassen. Aber auch die Schweiz hat Nachholbedarf. Denn Frauen und Männer können hierzulande nicht auf die gleichen Grundbedingungen hoffen. Frauen verdienen für die gleiche Arbeit weniger, arbeiten öfters Teilzeit, weil Familie und Beruf nach wie vor schwer unter einen Hut zu bringen sind, haben die (unbezahlte) Hausarbeit zu einem guten Teil alleine zu stemmen und rutschen bei Scheidungen häufiger in die Armut ab.

Wir haben also ein grosses Stück Arbeit vor uns. Aber von „starken Frauen“ oder „Powerfrauen“ zu sprechen, bringt der Gleichberechtigung gar nichts. Im Gegenteil: Denn diese gemeinen Wörter kommen zwar in einem schönen Gewand daher, doch hinter vorgehaltener Hand wispern sie, „Powerfrauen“ seien halt schon eine seltene Spezies Frau.

Warum spricht niemand von „Powermännern“?

Denn Hand aufs Herz: Habt ihr jemals jemanden ganz selbstverständlich sagen hören: „Andreas ist ein richtig starker Mann?“ Oder: „Michael ist ein Powermann wie aus dem Bilderbuch?“ Höchstwahrscheinlich nicht. Warum? Weil wir offenbar unbewusst davon ausgehen, dass Männer stark und karriereorientiert sind. Warum aber messen wir Frauen und Männer mit verschiedenen Ellen? Auch wenn wir darüber lachen mögen: In den Köpfen vieler Frauen und Männer sind die Frauen anscheinend nach wie vor das schwache Geschlecht. Und das beunruhigt mich.

Liebe Leserin, lieber Leser: Welche Unwörter kannst du nicht mehr hören? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

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