Glück
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Warum uns das Glück niemals finden wird

«Irgendeinisch fingt ds Glück eim.» So lautet der Refrain eines Songs der Berner Band Züri West. Irgendeines Songs? Nein! Für mich ist «Fingt ds Glück eim?» nicht irgendein Lied. Es ist ein Lied, das mich treu durch meine Jugendjahre begleitete, das ich heiss liebte und in dessen Melancholie ich mich genüsslich suhlte. Und es ist ein Lied, das ich kürzlich beim Joggen wiederentdeckte – Zufallsmodus sei Dank. Doch der Song stimmte mich auch nachdenklich. Ist es denn tatsächlich so? Findet einen das Glück eines schönen Tages? Einfach so? Zufällig? Irgendwo auf einem Parkplatz, an einer Bushaltestelle oder an einem Küchentisch, wie Kuno Lauener, der Frontmann der Band, singt?

Die Mär von den ewigen Pechvögeln

Vor fünfzehn Jahren hätte ich diese Frage bejaht. Ich glaubte fest daran, dass ich ein Pechvogel sei. Und dass das Glück eines Tages an meine Hintertür klopfen und mich in die Arme schliessen würde. Wie ein alter Freund, der von einer mehrjährigen Weltreise zurückgekehrt ist.

Heute bin ich – zum Glück – ein paar Erfahrungen reicher. Und anderer Meinung. Es ist falsch, Däumchen zu drehen und auf das Glück zu warten. Und es ist falsch zu glauben, dass unser Glück vom Schicksal, von äusseren Umständen oder anderen Menschen abhängt. Denn wir kreieren unser Glück beziehungsweise unser Unglück mehrheitlich selbst. Es ist unsere Perspektive, die uns zu Pechvögeln oder Glückspilzen macht.

Die Macht der Gedanken

Unsere Gedanken bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Wir können uns also jeden Tag dafür entscheiden, das Positive zu sehen. Oder eben das Negative.

Das heisst: Wir können uns über all das beschweren, was in unserem Leben schiefläuft. Über die kaputte Waschmaschine, die schimmligen Himbeeren in der Migros oder den unfähigen Arbeitskollegen, der uns gerade den Job vor der Nase weggeschnappt hat.

Oder wir können dankbar sein. Dafür, dass wir überhaupt fliessendes Wasser haben. Dafür, dass unsere Supermärkte stets prall gefüllt mit Lebensmitteln sind. Oder dafür, dass wir in einem Land leben, in dem die Arbeitslosenquote gerade einmal 3% beträgt. Denn all diese Dinge sind keine Selbstverständlichkeit.

Das Glück hängt aber nicht nur von unserer Perspektive ab, es liegt buchstäblich in unseren Händen. Das bedeutet: Wir müssen kräftig anpacken und dem Glück die Türe öffnen. Denn ohne unser Zutun finden wir weder eine Karriere, die uns erfüllt, noch den Partner, mit dem wir unser Leben verbringen möchten.

Das Glück findet uns nicht. Wir müssen es suchen

Je älter ich werde, desto bewusster wird mir zudem, dass das Glück in den kleinen Dingen steckt: Das Glück, das sind die Blätter, die sich im Wind wiegen, die Sonne, die unsere Haut küsst, der Wind, der unsere Haare zerzaust, oder der warme Katzenkörper, der sich an unser Bein schmiegt.

Das Glück ist da, jeden Tag. Es liegt nah. Wir müssen es nur sehen. Und annehmen. Aber vielleicht will uns das Züri West mit dem Song «Fingt ds Glück eim?» auch sagen.

Der Videoclip beginnt mit einer gehörigen Portion Unglück, einem Unfall. Der Protagonist liegt bewusstlos am Boden. Doch das Glück ist nicht weit. Noch an der Unfallstelle krabbelt es in der Form eines Marienkäfers über sein Gesicht. Und später, als der Unglücksrabe im Krankenhaus liegt, verlieben sich zwei Ärzte an seinem Bett ineinander. Am Ende des Clips verlassen sie das Spital Hand in Hand. Das Glück wohnt also überall – auf der Unfallstelle ebenso wie in der Notfallstation.

Auf die Frage, ob uns das Glück irgendeinmal finden wird, habe ich heute eine ebenso klare wie harte Antwort. Nein, es wird uns niemals finden. Wir müssen es suchen. Und zwar mit offenen Augen. Aber wenn wir uns einmal aufgemacht haben, dann finden wir es. Manchmal schon in der Form eines nett lächelnden Menschen an der Bushaltestelle um die Ecke. Liebe Züri West, ihr hattet also doch nicht ganz unrecht. Und nur so nebenbei: Ich mag euren Song immer noch sehr gerne!

Liebe Leserin, lieber Leser: Was bedeutet Glück für dich? Ich freue mich über deinen Kommentar!

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2 Kommentare

  • Antworten Markus 20. Juli 2017 nach 13:55

    Liebe Eve,

    erst mal herzliche Gratulation zu deinem tollen Blog und zu deinen inspirierenden Beiträgen!
    Speziell dieser Beitrag hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Ja was ist Glück eigentlich für mich??

    Hier eine Definition für mich zu finden erscheint mir sehr schwierig. Mir fällt aber eines auf – je mehr ich mich traue ich selbst zu sein (aus tiefstem Herzen), desto mehr Umstände ziehe ich an, die mir wirklich gut tun, wo ich lernen und wachsen kann. Und auf diesem Weg fällt es mir auch immer leichter die Kleinigkeiten zu schätzen, die es am Wegrand zu bestaunen gibt….

    Liebe Grüße,
    Markus

    • Antworten Eve 21. Juli 2017 nach 17:12

      Lieber Markus

      Herzlichen Dank für deinen Kommentar und deine Gedanken zum Glück. Es freut mich sehr, dass dir mein Blog und meine Beiträge gefallen.

      Ja, ich habe die gleiche Erfahrung gemacht und kann dir nur zustimmen: Je mehr wir den Mut haben, wir selbst zu sein, desto glücklicher sind wir, desto mehr Positives ziehen wir automatisch an. Und wenn wir mit uns und der Welt im Reinen sind, sind wir auch vermehrt in der Lage, das kleine Glück am Wegrand wahrzunehmen.

      Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Geist wie einen Muskel trainieren können. Und dass wir lernen können, glücklich zu sein.

      Liebe Grüsse
      Eve

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