Tod
Bewusstes Leben

Was uns der Tod lehrt

Kürzlich starb mein Kater. Er litt an einer schweren Krankheit, er frass nicht mehr, er putzte sich nicht mehr, er hatte jegliche Freude am Leben verloren. Der Tierarzt legte mir nahe, ihn einzuschläfern. Schweren Herzens nahm ich von ihm Abschied. Lange streichelte ich seinen noch warmen Körper, das flauschige Fell hinter seinen Ohren, seine samtigen Pfoten und konnte nicht glauben, dass sein Körper nur noch eine leblose Hülle war, die bald zerfallen sein würde. Dass sein Leben vorbei war. Dass er nie wieder maunzend um meine Beine streichen, sich genüsslich in der Sonne räkeln oder mit mir Verstecken spielen würde.

Nichts besteht, alles vergeht

In den folgenden Tagen dachte ich viel über den Tod nach. Darüber, wie er sich plötzlich in mein Leben geschlichen und mich hinterrücks überfallen hatte. Wie ein feiger Ganove. Doch hatte er das? Oder hatte ich ihn nur erfolgreich verdrängt?

Halten wir uns vor Augen: Alles Leben vergeht, nichts besteht. Gerade erwacht das Leben wieder, die Krokusse und Schneeglöckchen strecken ihre Köpfchen aus der Erde, die Bäume und Sträucher knospen, die Pollen fliegen. Doch spätestens im Herbst stirbt das Leben erneut, die Blätter fallen von den Bäumen, die Wälder werden kahl und der Winter hüllt uns bis zum nächsten Frühlingserwachen abermals in seinen eisigen Mantel.

Doch wir Menschen wehren uns mit allen Mitteln gegen diesen natürlichen Kreislauf. Wir färben unsere grauen Haare, glätten unsere Falten, streben nach ewiger Jugend und Schönheit. Und wollen nicht wahrhaben, dass unsere Zeit tickt, dass wir jeden Tag einen Tag älter werden und unsere Körper langsam aber stetig zerfallen.

Wir können nicht akzeptieren, dass unser Leben endlich ist, und tun dementsprechend unser Möglichstes, um den Tod aus unserem Leben zu verbannen. Wir tabuisieren ihn. Und vermeiden es tunlichst, ihn beim Namen zu nennen. Euphemismen wie «Sie schlief friedlich ein» hüllen das Sterben in schöne Worte. Und machen es für die Hinterbliebenen etwas erträglicher.

Wir leben, als würden wir ewig leben

Doch die Verdrängung unserer Endlichkeit zieht ein weiteres Problem nach sich: unsere Haltung zum Leben. Denn wir leben so, als hätten wir ewig Zeit. Möglicherweise arbeiten wir jahrelang in einem Job, den wir nicht mögen, oder sind mit einem Partner zusammen, den wir nicht mehr lieben. Für die Karriere riskieren wir viel, unsere Gesundheit, unsere Familie, unsere Freundschaften. Kleine und grosse Träume schieben wir auf die lange Bank. Den Sprachkurs, den Familienurlaub, das Sabbatical. Doch aus «einmal später dann» wird allzu oft keinmal. Wir leben, als würden wir ewig leben. Und genau das lehrt uns der Tod: Wir haben nicht ewig Zeit. Nutzen wir unsere Zeit also weise. Leben und geniessen wir bewusst. Und zwar jeden Tag.

Liebe Leserin, lieber Leser, was hat dich der Tod gelehrt?

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