Weiterbildung
Gesellschaft

Weiterbildung in den Ferien – echt jetzt?

Montagvormittag bei der Arbeit: Es sind Sommerferien, die Leute schlurfen in Badekleidung am Büro vorbei, unter ihren Armen klemmen bunte Gummieinhörner, Gummienten oder Gummiflamingos. Die Aare wartet. Neidisch blicke ich den immer kleiner werdenden Einhörnern hinterher. Für mich gibt es den Aareschwumm erst nach Feierabend – meine Sommerferien sind bereits Geschichte, die Geschichte ist schnell erzählt. Zwei Wochen Kroatien, viel Sonne, viel Wein, zu viele Touristen. Meine Gedanken schweifen ab, schlaftrunken klicke ich durch meine E-Mails, kämpfe mich durch Newsletters, Werbung, Werbung und noch mehr Werbung. Ein Kontingent für Werbung, das wäre doch mal was, oder? Und da stolpere ich über folgenden Satz, der mich unsanft in die montagmorgendliche, nach Kaffee und Gipfeli duftende Arbeitsrealität zurückholt: „Nutzen Sie die Urlaubszeit, um sich um Ihre Weiterbildung zu kümmern!”

Jump ’n’ Run wie Super Mario

Liegen Sie vielleicht gerade auf der faulen Haut, während Sie an diesem Satz kauen? Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie im See planschen oder Schokoladeneis schlecken, anstatt im stickigen Kurslokal etwas über Stressmanagement zu lernen? Apropos Stress: Erinnern Sie sich an Super Mario, das Jump-and-Run-Spiel mit dem kleinen Klempner, der unermüdlich rennt, springt und dabei Punkte sammelt? Sind wir inzwischen alle zu Super Marios mutiert? Wie Super Mario sind wir pausenlos auf Achse. Und wie Super Mario jagen wir Punkte, nur tun wir dies in Form von Ausbildungen, Weiterbildungen, Workshops und Überstunden. Aber drücken wir einmal kurz die Pausentaste, atmen tief durch und fragen uns: Worauf rennen wir eigentlich zu, was ist unser Ziel?

Klar doch: Unser Ziel ist das nächste Level. Das nächste Level bringt uns mehr Verantwortung, mehr Anerkennung, mehr Fame, mehr Geld. Doch es verlangt uns auch mehr ab. Das heisst: Noch mehr rennen, noch höher springen, noch mehr Stress, noch mehr Überstunden, noch mehr Weiterbildungen und Workshops, falls nötig geben wir sogar unsere Ferien für das Effizienzsteigerungsseminar her. Denn wer hat es schon nötig, Achtung, jetzt kommen zwei richtig nervige Metaphern, Energie zu tanken und die Batterien aufzuladen?

Batterien aufladen, Gas geben und funktionieren wie Maschinen

Weil es so richtig schmerzt, verweilen wir noch ein bisschen bei den Maschinenmetaphern: Heute müssen wir pausenlos funktionieren, 24/7 erreichbar sein und Gas geben – und dazwischen besuchen wir Workshops, in denen wir lernen, unsere Tanks aufzufüllen, um dann noch mehr leisten zu können. Sind wir auf dem Weg, zu Maschinen zu werden? Wollen wir das wirklich? Nur: Mit den Maschinen werden wir nie mithalten können, allen Stressmanagement- und Effizienzsteigerungsseminaren zum Trotz.

Doch wir haben ein weiteres Problem: Die Maschinen fressen schleichend Arbeitsplätze, sie verdrängen uns über kurz oder lang. Erinnern Sie sich an die Zeit, als man Bahntickets ausschliesslich an einem bedienten Bahnschalter kaufen konnte? Wird es in 50 Jahren noch Migros-VerkäuferInnen, SekretärInnen oder PflegerInnen geben? In Japan, das mit einer sehr niedrigen Geburtenrate zu kämpfen hat, werden die betagten Leute bereits heute von Robotern gepflegt. Übrigens gibt es in Japan auch immer mehr Menschen, die sich buchstäblich zu Tode schuften und an Erschöpfung durch Arbeit sterben. Schöne neue japanische Welt, bist du unsere Zukunft?

Wir sind dabei, uns unser Grab selbst zu schaufeln. Doch um ein Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme überzustrapazieren: Das Entscheidende ist nicht der Fall, sondern der Aufprall. Und der ist meistens hart. Item: Ich gehe jetzt auf einen Aareschwumm! Und geniesse diesen Sommer – komme, was wolle, Effizienzsteigerungs- und Stressmanagementworkshops hin oder her. Und Sie?

Liebe Leserin, lieber Leser: Würden Sie Ihre Ferien für eine Weiterbildung hergeben? Hinterlassen Sie mir gerne einen Kommentar.

Voriger Beitrag

4 Kommentare

  • Antworten Marcel Spahr 8. August 2018 nach 10:10

    Ich habe zwar Dauerferien, erinnere mich noch vage an verschiedenste mehr oder weniger obligatorische Weiterbildungstage. Meistens haben sie mir nichts anderes gebracht als ein Aufschnaufen inmitten der Alltagsprobleme, die dann dummerweise in gehäufter Anzahl auf mich warteten.

    e liebe Gruess

    Marcel Spahr

    PS: Deine Texte sind immer sehr lesenswert, ich freue mich auf weitere…

    • Antworten Eveline 8. August 2018 nach 10:34

      Ja, das ist ein weiteres Problem der Weiterbildungen: Man hat dann noch weniger Zeit für das, was man eigentlich tun sollte. Und viel bringen sie selten.

      Vielen Dank für den netten Kommentar, es freut mich sehr, dass meine Texte gern gelesen werden.

      E liebe Gruess

      Eveline

  • Antworten Jean-Marc Horber 7. August 2018 nach 17:13

    Lese Deine Beiträge immer mit grossem Vergnügen, Eveline! Toll, weiter so😊
    LG Jean-Marc

    • Antworten Eveline 7. August 2018 nach 17:35

      Vielen Dank, Jean-Marc! Das freut mich sehr. Liebe Grüsse Eveline

    Kommentar verfassen