Selbstverwirklichung
Glück

Wird Selbstverwirklichung überbewertet?

Es geschah vor Kurzem im Tram: In Gedanken versunken sass ich da und genoss die Frühlingsstimmung. Mir gegenüber hatten zwei Frauen um die zwanzig Platz genommen. Beide waren hübsch, gut gekleidet, trugen hochhackige Schuhe und elegante Mäntel. Die eine hatte ein bisschen zu viel Rouge aufgelegt und sich in der Lippenstiftfarbe vergriffen. Die Frauen unterhielten sich über ihre Jobs, die sie offenbar nicht mochten, lästerten über ihre Chefin und die nervigen Kunden. So weit so gut. Es war ein ganz alltägliches Gespräch unter Arbeitskolleginnen.

Selbstverwirklichung, nein danke!

Und da sagte die Frau mit den zu roten Wangen und dem zu grell geschminkten Mund: «Hast du gehört, Nina will sich jetzt selbständig machen. Die faselt nur noch von Selbstverwirklichung und so. Also ich finde, Selbstverwirklichung wird total überbewertet. Das ist doch etwas für Träumer.» Ihre Kollegin nickte so heftig, dass ihr Pferdeschwanz wippte und pflichtete bei: «Hauptsache du hast einen sicheren Job. Das Leben ist halt kein Ponyhof.»

Ich fiel aus allen Wolken und starrte die beiden Frauen fassungslos an. Das Bestürzende daran war: So desillusioniert sprachen zwei junge Frauen, die das Leben noch vor sich haben. Die in einem Land leben, das ihnen alle Möglichkeiten bietet. Denen die Welt offen steht. Deren Träume noch realisierbar sind. Die die Welt bereisen, ein Buch schreiben, auswandern oder ein eigenes Café eröffnen könnten. Doch davon wollten sie nichts wissen. Das sagten sie klipp und klar. Ja, sie wollten tagein tagaus in einem Job arbeiten, den sie nicht mochten. Für eine Chefin, die sie nervte. Für eine Firma, deren Werte sie nicht teilten.

Leben ist das, was wir daraus machen

Die Aussage, Selbstverwirklichung werde überbewertet, traf mich so hart, weil sie all meinen Überzeugungen widerspricht. Schon als Teenager verbrachte ich endlose Stunden damit herauszufinden, wer ich bin. Welche Talente ich habe. Was ich gerne tue. Um mir letztlich die eine Frage beantworten zu können: Wer bin ich?

Ja, es ist wichtig, seine Fähigkeiten zu entdecken, seine Talente zu entfalten und seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Denn so banal es klingt: Wir haben nur ein Leben. Wollen Sie also nicht das Beste daraus machen? Wollen Sie nicht herausfinden, wer Sie sind, was Sie gerne tun? Und das Leben führen, das SIE führen wollen?

Was Menschen am Ende ihres Lebens bereuen

Studien zeigen, dass Menschen am Ende ihres Lebens nicht das bereuen, was sie getan haben. Sondern das, was sie eben nicht getan haben. Das Buch, das sie nie geschrieben, die Länder, die sie nie bereist, das Café, das sie nie eröffnet haben.

Verschieben Sie Ihre Träume also nicht auf morgen. Leben Sie sie jetzt. Denn es gibt zig Beispiele von Menschen, die ihre Träume auf die Wartebank geschoben haben. Die sich vielleicht sagten: «Nach der Pensionierung wandere ich nach Australien aus und eröffne eine Strandbar.» Und die dann ein paar Monate nach Beginn des langersehnten Ruhestands einen Herzinfarkt erlitten oder eine niederschmetternde Diagnose erhalten haben.

Ja, möglicherweise müssen Sie unkonventionelle Wege gehen, um Ihre Träume zu erfüllen. Und garantiert werden Sie auf Kritik stossen und müssen sich rechtfertigen. Immer und immer wieder. Gewiss, es braucht viel Mut, dahin zu gehen, wo noch kein Weg hinführt. Und viel Kraft. Der konventionelle Weg hingegen ist verführerisch einfach: Er führt weder durch Dickicht noch über unbekannte Pfade.

Doch das Glück werden Sie auf dem geteerten Weg nicht finden. Denn glücklich ist, wer mit sich selbst im Reinen ist. Wer sich selbst kennt. Mit all seinen Stärken und Schwächen. Aber um sich selbst kennenzulernen, muss man seinen eigenen Weg finden und dafür man muss ausprobieren, stolpern, aufstehen und weitergehen.

Und lassen Sie sich nicht einreden, Selbstverwirklichung sei egoistisch und somit etwas Schlechtes. Egoismus ist nur dann verwerflich, wenn er anderen Menschen schadet. Sein Leben nach den eigenen Wünschen zu gestalten, schadet niemandem. Im Gegenteil: Wir alle haben es verdient, unser bestmögliches Leben zu leben, oder nicht?

Liebe Leserin, lieber Leser, wird Selbstverwirklichung überbewertet? Hinterlassen Sie mir gerne einen Kommentar.

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